Ich muss Abbitte leisten bei der Künstlerin Isa Genzken, denn ich hatte sie vor allem mit ihrem Frühwerk den Hyperbolos und den Ellipsoiden in Verbindung gebracht, zudem erinnerte ich mich noch an die überdimensionierte Rose und ein Werk mit dem Namen «Fuck the Bauhaus». Wobei ich mir unter letzterem nichts vorstellen konnte. Deshalb wollte ich zuerst gar nicht in ihre Ausstellung 75/75 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Da Isa Genzken in diesem Jahr 75 Jahre alt wird, darf sie dort 75 ihrer Werke als Retrospektive der Oeffentlichkeit präsentieren.



Von ihrem Ex-Ehemann Gerhard Richter sind im Untergeschoss gleichzeitig einige seiner Gemälde zu besichtigen, die er Berlin als langfristige Leihgabe zur Verfügung stellt. Im Monopol-Magazin las ich, dass Gerhard Richter mit einem Vermögen von 0.7 Milliarden Euro der reichste Künstler in Deutschland ist. Als reichste Künstlerin folgt mit 390 Millionen dann Rosemarie Trockel.



Isa Genzken jedenfalls hatte kaum finanziellen Sorgen, da sie schon früh als Künstlerin Beachtung fand. Geboren wurde sie 1948 in Bad Oldesloe, sie studierte Kunstgeschichte und Philosophie in Hamburg, Berlin und Köln. Danach folgte ein fünfjähriges Kunststudium an der Kunstakademie Düsseldorf. Dort begann sie mit ihren Ellipsen und Lichtparallelogrammen. Noch ganz am Anfang des Computerzeitalters musste sie sich dabei von Mathematikern und Physikern Berechnungen machen lassen. Es entstanden ihre minimalistischen Formen zwischen Geometrie und Skulptur. Damit erhielt sie im männlich dominierten Kunstbetrieb bereits erste Einzel-Ausstellungen und erzielte Erfolge. In diese Zeit fiel auch ihre Ehe mit Gerhard Richter, der ihr Lehrer an der Kunstakademie war.



Die Ehe hielt zehn Jahre. Während dieser Zeit entwickelte sie sich stetig weiter. Sie hatte bereits als Teenager die Gelegenheit ergriffen, zeitweilig in New York zu leben. Sie durfte ihre in Manhattan wohnenden Tanten besuchen. Dabei hatte sie die vielfältigen Eindrücke der Stadt aufgesogen. Die Architektur, Technik, Baustoffe dies alles interessierte sie. Diese Eindrücke fanden langsam Eingang in ihr Werk und dadurch kam sie von ihren langgestreckten, farbigen, mathematischen Körpern weg und suchte die freiere Form. Etwa zeitgleich zerbrach ihre Ehe mit Richter.



Das erschütterte sie schwer, sie wurde depressiv, bekam Alkoholprobleme und musste in der Psychiatrie betreut werden. Wobei ich mir vorstellen kann, dass der Beruf als Künstler:in psychischen Schwierigkeiten Vorschub leistet: keine geregelte Arbeitszeit mit monatlichem Lohn, keine festen Strukturen im Schöpfungsprozess, möglicherweise kaum Beachtung und wenig Interesse des Umfeldes. Isa Genzken jedoch erhielt nicht nur die Möglichkeit für Solo-Ausstellungen, sondern auch viele Kunstpreise. Mitte der achtziger Jahre begann sie mit ihren ersten Gips- und Betonskulpturen. Anfang der neunziger wurde sie Gastprofessorin an der Städelschule in Frankfurt. Und die uns allen bekannte 8 Meter hohe erste Rose entwarf sie 1993.

Was ich aber nicht ganz verstehen kann, ist das Zitat von ihr, das in der Ausstellung steht:

In ihrer Frühphase hat sie doch mit einem ausgeprägt geometrischen Formenvokabular gearbeitet, das für mich nicht mit «Fliessen» assoziiert wird.

Nun habe ich in der aktuellen Ausstellung endlich mal gesehen, wie «Fuck the Bauhaus» überhaupt aussieht. Es ist eine Weiterentwicklung ihrer Serie Stelen. Von da an wurde ihr Werk immer weniger geometrisch, die starren Formate lösen sich auf und werden zu Skulpturen und Assemblagen, was wir hier sehr gut nachvollziehen können. Ihre Kunst wird immer vielfältiger, manchmal absurd oder übertrieben. Die Techniken und die Formensprache werden andauernd verändert und durch die Spiegelungen in den Oberflächen der Objekte werden wir Zuschauer:innen auch zu Akteur:innen. Deshalb auch meine Abbitte an die Künstlerin und meine Begeisterung über ihre aktuelleren Projekte.



Selbst der riesige, nur von Glasfenstern begrenzte Raum, wo ihr Oeuvre durch alle Schaffensphasen gezeigt wird, könnte nicht idealer sein. Ihr habt noch einen Monat Zeit, euch in der Neuen Nationalgalerie davon zu überzeugen.
„Isa Genzken 75/75“ fand in der neuen Nationalgalerie statt: http://www.smb.museum