Paula Rego: Unterdrückung und Selbstermächtigung

Paula Rego (1935-2022) und Carol Rama (1918-2015) gehören zu meinen absoluten Favoritinnen als Künstlerinnen. Beide setzten sich intensiv mit Geschlechterrollen, Sexualität, gesellschaftlichen Normen auseinander und hinterfragten diese. Beide nutzten die figurative Darstellung, um ihre oft verstörenden Themen zu vermitteln. Aber hier geht es um Paula Rego, deren Werke auch Geschichten erzählen, die in der portugiesischen Kultur verwurzelt sind. Zuerst zeige ich euch einige der wenigen Selbstbildnisse, die mich im Stil an Maria Lassnig erinnern.

Die ersten Gemälde von ihr, die ich vor mehr als zwanzig Jahren sah, wirkten erschütternd auf mich. Sie stellten Frauen in ihrer Not dar, die gerade illegale und unprofessionelle Schwangerschaftsabbrüche hinter sich hatten. Diese Serie hatte die portugiesisch-britische Künstlerin gemalt, nachdem in den 90er Jahren in Portugal in einer Abstimmung die Legalisierung der Abtreibung abgelehnt worden war. Damit konnte sie die öffentliche Meinung bis zum nächsten Referendum ändern. Kunst als Waffe der Unterdrückten. Rego war zeitlebens stark mit ihrer Heimat verbunden und hatte dort auch bereits einiges früher als in England Einzelausstellungen und Erfolge.

Paula Rego wurde in Lissabon in eine wohlhabende, anglophile Familie geboren. Ihre Mutter war Malerin und so nahm die kleine Paula früh Stifte zur Hand und versuchte zu zeichnen. Mit 17 Jahren ging sie nach London um an der prestigeträchtigen Slade School of Fine Art studieren. Dabei sollte man wissen, dass Portugal zur damaligen Zeit vom Diktator Salazar regiert wurde und dort ein sehr repressives politisches Klima herrschte zuzüglich zu der Doktrin der katholischen Kirche. In London entfiel diese Zensur, dabei thematisierte sie in ihrem Werk diese polizeistaatliche Ueberwachung und die autoritären, patriarchalen Verhältnisse immer wieder. Bereits ihr Grossvater und Vater waren politisch liberal orientiert und unterstützen in der Vorgängerregierung soziale Reformen wie die Frauenrechte.

In London dann lernte sie ihren späteren Ehemann den britischen Künstler Victor Willing kennen, mit dem sie drei Kinder bekam. Die Ehe war problembehaftet und Mitte der sechziger Jahre erkrankte er an Multiple Sklerose. Sie begleitete ihn bis zu seinem Tod 1988. Ihr schwieriges Leben, das sich zwischen London und dem Landsitz ihrer Grosseltern in Ericeira abspielte, verarbeitete sie in ihrer Kunst. Dass die Beziehung mit ihrem Mann nicht einfach war, stellt sie auf diesem Gemälde dar, dass sie kurz vor und nach dem Tod ihres Gatten schuf. Sie wollte eine Tanzszene malen und fragte Willing nach Rat. Er meinte, es müssten unbedingt auch Männer ins Bild. Vier Abschnitte ihres Lebens sind darauf verewigt: Sie als Kind tanzend mit ihrem Kindermädchen, beim Tanz mit ihrem jungen Liebhaber Willing, der ältere Willing umschlungen von seiner blonden Geliebten und Rego alleine in portugiesischer Tracht tanzend.

Da sie depressive Phasen hatte, begann sie mit einer Psychoanalyse nach Jung. Diese dauerte vierzig(!) Jahre lang. In dieser Zeit erhielt sie ein zweijähriges Rechercheprojekt zu europäischen Mythen, Märchen und Erzählungen finanziert. Das erklärt die Märchengestalten, die in Regos Bildern und lebensgrossen Textilpuppen auftauchen, aber stets bitterböse, hintergründig inszeniert sind. Als Beispiel zeige ich euch «Schneewittchen auf dem Pferd des Prinzen», ziemlich gegen den Strich von Walt Disney gebürstet, die Prinzessin auf der Erbse und die schwangere Prinzessin.

Ihr Werk kann in drei Schaffensperioden eingeteilt werden. Die Techniken, die sie dabei verwendete, reichen von Oelgemälden, Aquarell, Kohle-Zeichnungen, Radierungen bis zu Lithographien und für Installationen stellte sie auch Puppen und andere Objekte her.

Die ersten zehn Jahre als junge Künstlerin von 1956-1966 schuf sie (politische) Collagen mit eher surrealistischen Einflüssen, aber auch Bilder wie «Under the Milkwood» oder den riesigen textilen Wandteppich zur Schlacht von Alcacer Quibir. Das Gemälde «Birth» entstand damals kurz nach der Geburt ihrer Tochter Victoria.

In der mittleren Periode von 1966-94 dann waren die Themen Familie, Unterdrückung und Leid vorherrschend.

Danach bis zu ihrem Tode setzt sie sich vor allem mit der Stellung der Frau, mit Widerstand und Resilienz auseinander.

Die Fokussierung auf Frauengestalten in ihrem Werk ist sehr auffallend, was bei Themen wie weiblicher Genitalverstümmelung selbstredend ist. Aber auch Männer sind archaischen Machtsystemen unterworfen, wie wir im Bild «Metamorphosing after Kafka» sehen.

Während Rego in ihrer Heimat Portugal bereits 1965 die erste Einzelausstellung erhielt, musste sie bis 1981 auf diejenige in London warten. Danach zog ihr Erfolg in England langsam an. In Portugal erhielt sie zahlreiche Ehrungen des Staates und in Cascais wurde ihr 2009 ein eigenes Museum gewidmet. 2010 wurde sie von der englischen Königin zur Dame Commander of the Order of the British Empire ernannt. 2021 gab es eine Retrospektive in der Tate und an der 59. Biennale in Venedig waren einige ihrer Arbeiten zu sehen.

Meine Fotos stammen alle aus der aktuellen Ausstellung «Machtspiele» im Kunstmuseum Basel, das sich ihrem Oeuvre in sieben Räumen mit unterschiedlichen Schwerpunkten widmet. Alles sehr aussagekräftig und gekonnt inszeniert. Nur der Begriff «Spiel» im Titel gefällt mir nicht richtig. Die etymologische Bedeutung von «spil» im Althochdeutschen und im Altenglischen ist die von fröhlich, lebhaft bewegen, tanzen. Und die moderne Definition meint damit festgelegte Regeln, auf die sich die Teilnehmer freiwillig einlassen. Wenn ich an die Machtkonstellationen denke, die Rega in ihrer Kunst zum Ausdruck bringt, haben diese selten bis nie etwas mit Leichtigkeit, Fröhlichkeit und Freiwilligkeit zu tun. Ich hätte also eher Machtstreit, Machtauseinandersetzung, Machtkampf als Titel gewählt.

Sogar im letzten farbenfrohen Bild mit dem Titel „The Bride“, das ihr hier seht, gibt es diesen Kippmoment ins Abgründige. Diese latente Aggressivität, die vielen ihrer Gemälde inhärent ist. Der Bräutigam als Krokodil ist nun kaum der Wunschtraum einer Braut.

Ich empfehle euch diese Ausstellung sehr, dann könnt ihr auch selber beurteilen, ob und wieviel Spielerisches in Paula Regos Werk existiert.

Die Ausstellung Paula Rego „Machtspiele“ fand im Kunstmuseum Basel statt.

http://www.kunstmuseumbasel.ch

Hinterlasse einen Kommentar