Sex im Judentum

Wer ans Jüdische Museum in Berlin denkt, dem/der kommt meistens der Liebeskind-Bau als Holocaust-Gedenkstätte mit der Dauerausstellung über jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland in den Sinn. Aber im Altbau im ersten Stock finden immer wieder spannende Sonderausstellungen statt. Im letzten Jahr besuchte ich zum Beispiel «Jüdisch in der DDR».  Sie verknüpfte diesen Teil der Deutschen Geschichte mit einzelnen Biographien. Deutsche Jüd*innen waren remigriert mit der Hoffnung, einen antifaschistischen Staat in der DDR aufzubauen und wurden dann vielfach diskriminiert, da sie nicht in die nationalstaatliche Ordnung passten. Mir waren eigentlich alle diesbezüglichen Informationen unbekannt gewesen.

Nicht ganz so unbekannt ist mir das Thema der Ausstellung «SEX. JÜDISCHE POSITIONEN». Während meines Studiums der Psychologie kam ich in Kontakt mit den um 1900 herum revolutionären Schriften von Freud und Hirschfeld über Sexualität. Hirschfeld hatte vor hundert Jahren bereits postuliert, dass jeder Mensch sowohl weibliche wie männliche Anteile in sich trägt, was zu einer Vielzahl von geschlechtlichen Identitäten führt. Er setzte sich dafür ein, dass auch Homosexualität gesellschaftlich und juristisch anerkannt würde. Zudem gründete er das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin, weil er sich wissenschaftlich der Erforschung der Sexualität widmen wollte.

Neben den beiden jüdischen Forschern Freud und Hirschfeld gab es auch die weibliche Forscherin Charlotte Wolff (1897-1986), die als lesbische Jüdin immer Aussenseiterin blieb. Sie behandelte als Aerztin Geschlechtskrankheiten von Sexarbeiter*innen und in den Arbeitervierteln war sie in Fragen der Familienplanung aktiv. Das machte sie verdächtig und sie floh nach England. Nach der Migration erforschte sie vor allem Homosexualität und Bisexualität. Auch die deutsch-amerikanische Soziologin Dr. Ruth Westheimer hat sich als Pionierin der Sexualaufklärung, Therapeutin und in ihren Sachbüchern als vertrauenswürdige Autorität einen Namen gemacht und unzähligen Menschen in verklemmten Zeiten damit geholfen. Die Erforschung der Sexualität war in ihren Anfängen in jüdischer Hand. Da mir keine Wissenschafter*innen anderer Religionen bekannt sind, die sich bereits vor über hundert Jahren mit dem tabuisierten Sujet Sexualität öffentlich beschäftigt haben, stellt sich die Frage, warum gerade jüdische Wissenschafter*innen sich als Outsider*innen mutig und vielen Anfeindungen ausgesetzt dieses mit Scham besetzten Themas angenommen haben?

Die jüdischen Mitmenschen in meinem Umfeld definieren sich als jüdisch, die meisten aber nicht als religiös. Und deren gelebte Sexualität unterscheidet sich wahrscheinlich kaum von derjenigen der Mehrheitsgesellschaft. Auch diese moderne Position ist neben derjenigen der ultraorthodoxen Juden und Jüdinnen prominent vertreten. Sowieso, im Kanon der rabbinischen Literatur werden seit Jahrhunderten unterschiedliche Ansichten über Ehe, Zeugung, Begehren und Tabus diskutiert. Einig sind sich die Rabbiner nur in einem, dass Enthaltsamkeit innerhalb der Ehe keine Tugend ist. Auch ein Tora-Gelehrter muss Gott nicht nur mit seinem Geist, sondern auch mit seinem Körper dienen.

Dieses Gemälde mit dem Titel «meine Eltern» und ist von Issai Kulvianski (1892-1970) und hängt normalerweise in der berlinischen Galerie.

Meine These seit meiner Jugend ist, dass Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und Judentum von ihrer Entstehungsgeschichte her zutiefst misogyn, also frauenverachtend wären und sich dies in den Rollen und Pflichten der Frauen widerspiegelt. Meine Interpretation könnte durch die jeweilige aktuelle Praxis etwas relativiert werden. Auch im orthodoxen Judentum gibt es diese klaren geschlechtsspezifischen Vorschriften für Frauen und Männer. Sexualität spielt eine wichtige Rolle innerhalb der Hetero-Ehe und ist stark reglementiert:

-Sex vor der Ehe ist streng verboten, deshalb müssen die Unverheirateten jeder «Versuchung» aus dem Wege gehen

-immerhin ist Sex nicht nur zur Fortpflanzung gedacht, sondern zur Freude und Erfüllung beider Eheleute.

– viele Vorschriften, wie und wann Sex ausgeübt werden soll. Verboten während der Menstruation und sieben Tage danach. (Ideal zum Eisprung wieder erlaubt.)  Wie oft ein Mann mit seiner Frau Sex haben sollte, ist anscheinend von seinem Beruf abhängig. (Sorry, aber das finde ich zeimlich amüsant. Und was ist, wenn seine Partnerin öfters oder seltener Lust hat?)

-Der Ehevertrag, der Ketuba heisst, enthält ebenfalls Bestimmungen zur sexuellen Erfüllung der Frau. Falls der Mann dieser Verpflichtung nicht nachkommt, kann sich die Frau scheiden lassen.

-Sexualität in der Ehe hat auch eine spirituelle Bedeutung und ist eng mit religiösen Praktiken verbunden, so wird der Sex in der Shabbatnacht als besonders heilig betrachtet.

Nicht vergessen werden darf in der Hebräischen Bibel die offensichtliche Erotik im Buch Salomons das „Lied der Lieder“, eine Sammlung von sinnlichen Liebesgedichten, die sogar an Pessach in Synagogen vorgetragen wird. (Wobei manche Rabbiner diese gern als Allegorie für die Beziehung zwischen Gott und den Menschen umdeuten.)

Worüber ich gestaunt habe, ist dieser «Thumb Ring». Anscheinend sollen solche Ringe von jungen Männern nachts über dem Penis getragen worden sein, um sich gegen Masturbation zu schützen. Den Begriff der «Samenverschwendung» kennt also nicht bloss das Christentum. Zum Problem der Beschneidung von Babys oder Kindern männlichen Geschlechtes habe ich folgende Meinung: Warum nicht damit warten, bis der junge Mann volljährig ist und ihn um seine Einwilligung fragen? Das Argument der Hygiene ist heutzutage ein vorgeschobenes. So könnte vermieden werden, gegen das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit zu verstossen.

Ich würde also zusammenfassend sagen, meine These bezüglich der grossen Weltreligionen und der sexuellen Unterdrückung der Frauen stimmt im orthodoxen Judentum am wenigsten, da es eine positivere Einstellung zur weiblichen Erfüllung hat, daneben sind aber immer noch viele traditionelle patriarchalische Anteile vorhanden. Glücklicherweise existieren Reform- und konservative Bewegungen, die daran arbeiten, die Gleichberechtigung zu fördern. Dazu werden einige jüdische Künstler*innen vorgestellt, die der Diversität grossen Raum geben und die die Machtverhältnisse ausloten. Mein Titelbild ist von Nechama Golan, die sich erstickt zeigt vom «Sefer Nashim», dem Buch der Frauen.

Hier zeigt Dorothea Moermann die Umwidmung ritueller Fransen der religiösen Männerkleidung an alltägliche Damenwäsche.

Und auch von der Künstlerin Nicole Eisenmann sehen wir zwei ihrer oft humorvollen und/oder queeren Werke.

Der Künstler Guy Aon fotografiert nackte Paare in ungewöhnlichen Positionen für seine Body Pieces.

Abgesehen vom doppeldeutigen Titel dieser Ausstellung hat mir besonders gut das weite Spektrum gefallen, in dem ein buntes Kaleidoskop von wichtigen wie unterschiedlichen Standpunkten zur Jüdischen Sexualität gezeigt werden in Wissenschaft, Kunst, Film und Literatur und ebenso auch in Artefakten zum Beispiel zu Sex und Magie. Ich habe viel erfahren über die Bedeutung von Begehren und Tabus. Und wen interessieren diese Themen wohl nicht?

Die Ausstellung SEX. JÜDISCHE POSITIONEN fand im Jüdischen Museum in Berlin statt.

http://www.jmberlin.de

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