Über «unsere» Angelika Kauffmann (1741-1807) wollte ich schon seit langem einen Beitrag schreiben. Nur fehlten mir die dazugehörenden Fotos. Endlich konnte ich diese in der aktuellen Jubiläums-Ausstellung des Kunstmuseums Chur machen. In zwei kleineren Räumen in der Villa Planta werden wichtige Werke der international tätigen und in Chur geborenen Künstlerin ausgestellt.

Grad im vornherein, warum ich so begeistert von ihr bin. Mir fiel durch die Jahrzehnte, in denen ich ihren Arbeiten immer wieder begegnet bin auf, dass sie vor allem Frauen in bemerkenswerter Tiefe und Vielschichtigkeit abbildete, nicht etwa nur in Porträts, sondern auch in ihren historischen und mythologischen Gemälden. Ihre weiblichen Figuren wie Penelope, Cornelia oder Alkeste verkörpern moralische Stärke und stehen für die Bewahrung von Menschlichkeit. Als Künstlerin in einer männerdominierten Welt nutzte sie ihre Perspektive, Frauen nicht nur als ästhetische Objekte, sondern als denkende, handelnde Wesen darzustellen. Zudem hatte sie viele weibliche Auftraggeberinnen, die sich ein Abbild von sich als starke und kultivierte Person wünschten.
Wie ihr in den folgenden Gemälden sehen werdet, bevorzugte Kauffmann im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, die den Fokus meistens aufs Dramatische legten, oft intime Szenen mit weiblichen Hauptdarstellerinnen.

Aber nun zum Beginn: Sie wurde 1741 als einziges Kind ihrer Eltern in Chur geboren und wuchs im Bregenzerwald und im Veltlin auf. Ihr Vater war Maler und förderte früh ihr zeichnerisches Talent und brachte ihr Lesen und Schreiben bei. Von der Mutter lernte sie Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch. Diese unterstützte die musikalische Ausbildung der Tochter. Dass die Musik sehr wichtig für Angelika Kauffmann war, werde ich euch hiermit beweisen. Sie sang mit einer schönen Sopranstimme und spielte mehrere Instrumente wie Klavier und Laute. Sie trat als Jugendliche öffentlich als Sängerin auf und wurde in Italien als musikalisches Wunderkind gefeiert. In ihrem autobiografischen Gemälde «Am Scheideweg zwischen Musik und Malerei» zeigte sie zwischen den beiden Allegorien ihre Zerrissenheit auf: Angelika Kauffmann sitzt in der Mitte, nachdenklich. Links die Musik in rötlichen, warmen Farben gekleidet (oft mit Liebe, Leidenschaft assoziiert). Rechts die Malerei in kühlen Farben wie Blau oder Weiss dargestellt (mit Klarheit, Vernunft verbunden). Dieses Selbstbildnis müsst ihr selber im Web raussuchen. Es war nicht ausgestellt. Genauso wenig wie das erste Selbstporträt von ihr, das mir unter die Augen kam: die junge Kauffmann als Sängerin. Übrigens heisst das von mir gewählte Titelwerk «Drei Sängerinnen».

Warum entschied sie sich trotz ihrer musikalischen Begabung für die Malerei? Einerseits aus gesellschaftlichem Druck, denn Sängerinnen waren oft mit einem zweifelhaften Ruf belegt. Für die Malerei, insbesondere die Historienmalerei, waren Bildung, Erzählung und Technik erforderlich, sie war also mit einem höheren intellektuellen Anspruch verbunden. Zudem sah sie sich als fortwährende Berufsfrau und eine Karriere als Sängerin war physisch begrenzter, als bildende Künstlerin könnte sie auch noch im Alter tätig sein.

Als Teenager unternahm sie mit ihrer Familie Ausbildungsreisen durch Italien und lebte an Höfen von Adeligen. Auftragsreisen führten sie auch nach Deutschland an Fürstenhöfe. Durch ihre Könnerschaft wurde sie bereits 1762 zum Ehrenmitglied der Accademia Clementina di Bologna gewählt. Zwei Jahre später wurde sie schlagartig international bekannt durch ihr gelungenes Porträt des Begründers der Kunstwissenschaften und der Klassischen Archäologie Johann Joachim Winckelmann. (Sammlung Kunsthaus Zürich)
Auf ihren Reisen und bei ihren Aufenthalten spezialisierte sie sich auf Porträts und knüpfte wertvolle Kontakte zu berühmten Italienreisenden, vornehmlich Engländer:innen. Empfehlungen und Einladungen nach London blieben nicht aus und so zogen Vater und Tochter 1966 nach London. Ihre Mutter war bereits 1757 in Mailand verstorben. Während den fünfzehn Jahren in London wurde sie zur gefragtesten Porträtistin ihrer Zeit. Ihr Stil vereinte Elemente des Klassizismus mit Einflüssen des Rokoko. Hier nun ein Bildnis von Marie Louise Elisabeth Vigée-Lebrun, ihrer erfolgreichen französischen Künstlerkollegin, die die Hofmalerin von Marie-Antoinette war und das Gemälde von Amor und Psyche, für das die Kinder von Lord Plymouth Modell standen.


Zudem wurde sie eines der beiden weiblichen Gründungsmitglieder der Royal Academy of Arts. Sie engagierte sich nicht bloss als kreative Malerin, Zeichnerin, Radiererin, sondern auch als Kunstunternehmerin. Als gebildete Frau, die mehrerer Sprachen mächtig war, verkehrte sie in den besten, auch intellektuellen, Kreisen. Leider hielt sie ihr Sachverstand nicht von einem kapitalen Fehler in Herzensangelegenheiten ab.

Nachdem sie ein Jahr in London verbrachte, heiratete sie einen angeblichen schwedischen Grafen, der sie unglücklich machte und mit all ihren Ersparnissen durchbrannte. Immerhin konnte sie die Ehe durch ein Gericht ungültig erklären lassen. Als sie viele Jahre später den venezianischen Maler Antonio Zucchi zum Gatten erwählte, war sie durch Schaden klug geworden. Sie liess einen Ehevertrag aufsetzen, in dem ihr die freie Verfügung über all ihre Einkünfte zugesichert wurde. Noch im selben Jahr 1781 verliess sie London und zog mit ihrem Mann nach Rom, ihr Vater verstarb auf der Reise bei einem Aufenthalt in Venedig. In Rom erhielt sie weiterhin bedeutende Aufträge und ihre Popularität wuchs ebenso wie ihr Vermögen. In ihrem Salon verkehrten die Gelehrten und Künstler:innen der damaligen Zeit. Auch Goethe besuchte sie öfters und korrespondierte mit ihr. Die beiden verband eine (platonische) Freundschaft. Sie arbeitete bis kurz vor ihrem Tod. In ihrem Spätwerk widmete sie sich vor allem religiösen Themen. Im November 1807 verstarb sie mit 66 Jahren und hinterliess ein umfangreiches Oeuvre von mehr als 800 Werken, eine grosse Kunst- und Büchersammlung sowie ein hohes Vermögen. Zu ihrer Beisetzung in Rom erschien eine riesige Menschenmenge und sie war die feierlichste seit dem Begräbnis des grossen Raffael.


Sie hatte also richtig gewählt, als sie sich in ihrer Jugend zwischen der Musik und der Malerei entscheiden musste. Sie war keine Kämpferin und hatte sich trotzdem auf mühseligstem und arbeitsreichem Werdegang mit Einsatz, Talent und Klugheit in einer Männerwelt einen wichtigen Platz erobert. Genauso wie ihrem fulminanten Werk Bewunderung gebührt, gebührt sie auch diesem Akt der Emanzipation einer Berufs-Frau im 18. Jahrhundert.

Einen Teil ihres Werks im Original konntet ihr in der Jubiläumsausstellung des Kunstmuseums Chur besichtigen.