Erkundungen der Seele

Werfen wir einen Blick zurück in die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts, wo die Behandlungen in den geschlossenen «Irrenanstalten» für die Betroffenen extrem hart waren. Unter unmenschlichen Bedingungen wurden sie von der übrigen Gesellschaft isoliert und verwahrt. Häufig wurden sie zudem grausamen körperlichen Zwangsmassnahmen unterworfen wie eiskalten Bädern, Zwangsjacken, Fixierungen, Schlägen, Hungerkuren, Brech- und Abführmitteln etc. Der Körper in Ketten: Damit sollte auch der Wahnsinn geknebelt werden.

Die Machtasymmetrie zwischen Personal und Patient:innen war enorm. Gegen Ende des Jahrhunderts etablierte sich langsam die Psychiatrie als akademische Wissenschaft. Davor wurden psychische Krankheiten als moralisches Versagen und Wahnsinn verstanden. Die Neurologie wurde nun verbunden mit der körperlichen Ursachenforschung im Gehirn. Es wurden Klassifikationen von Krankheitsbildern entwickelt und es gab experimentelle Verfahren wie die Hypnose. Diese legte den Boden für die spätere Psychoanalyse.

Mit einem Blick in diese brutalen Anfänge beginnt die Exposition «Seelenlandschaften» im Landesmuseum Zürich, die anlässlich des 150. Geburtstages von C.G. Jung eine umfassende Ausstellung zur Geschichte der Entdeckung der Psyche in der Schweiz zeigt. Man sollte vielleicht erwähnen, dass in der Heilanstalt Burghölzli in Zürich damals der reformfreudige Eugen Bleuler Direktor war. Und er war der Ansicht, dass der Wahn einen Grund haben müsse. Er las die Texte von Freud, der ein Unbewusstes postulierte und dass Hysterie und Neurosen auf der Unterdrückung der Sexualität beruhen sollten.

Jung war sein Oberassistent. Freud hatte sich in Wien um 1900 herum in seiner Mittwochsgesellschaft mit Ärzten getroffen, um übers Unbewusste zu sinnieren. Und nun fielen diese Theorien auch bei Jung auf fruchtigen Boden. Jung entwickelte aber durch seine Erfahrungen mit den psychotischen Kranken seine eigenen Theorien des kollektiven Unbewussten und der Archetypen. Deshalb überwarfen sich Freud und Jung mit der Zeit. Dieses Zerwürfnis stürzte Jung in eine seelische Krise. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht nun das berühmte «Rote Buch» von Jung, das er in dieser intensiven Phase der Selbstreflexion begann und in dem er während Jahrzehnten Träume, Visionen und aktive Imaginationen beschrieb und farbig illustrierte. Der Band ist wirklich sehr eindrücklich angelegt wie eine mittelalterliche Handschrift.

Im Universum des Doktor Jung werden auch die Mandalas gezeigt, in denen Jung ein Abbild des Selbst vermutet, für dessen Wandel. Er schreibt, malt und schnitzt Symbolskulpturen, eine davon nennt der den «Atem des Lebens». Wie Freud ist Jung sehr belesen. Doch der rationale Freud hält Jungs Interesse für all das Spirituelle für Unsinn. Freud interessierte die individuelle Psyche und Jung eben die kollektive. Das Jung sich überhaupt aus dem Klinikalltag zurückziehen und sich seinen Studien und Reisen widmen konnte, war der Heirat mit seiner wohlhabenden Frau Emma Jung-Rauschenbach zu verdanken. Sie gehörte zu den Pionierinnen der Analytischen Psychologie. Auch von ihr sind beschriebene Träume, Gedichte und Bilder bekannt. Jung residierte also in seinem Anwesen in Küsnacht und wurde zum Privatgelehrten und spirituellem Denker, der international Patient:innen und Interessierte anzog.

Jung und die Frauen: Während es für Freud als absolutes Tabu galt, sexuelle Beziehungen mit Patientinnen einzugehen, hatte Jung mehrfach intime Verhältnisse mit seinen Patientinnen. Die berühmteste war wohl Sabina Spielrein. Zu ihrer interessanten Vita zeige ich euch am Schluss einen  Link.

Da Jung mit seinen Archetypen und dem kollektiven Unbewussten unzählige Künstler:innen beeinflusste, werden in dieser Ausstellung davon auch eine Vielfalt an Kunstobjekten, Filmen und Bildnissen gezeigt. Bereits zu Beginn von «Seelenlandschaften» werden wir auf Gemälde von Seelenzuständen aus der Romantik aufmerksam. Ob das Gewitter am Grindelwaldgletscher von Caspar Wolf oder der Nachtmahr von J.H. Füssli, sie können bereits als Spiegel der Psyche interpretiert werden. Wobei letztere Darstellung zur damaligen Zeit einen Skandal auslöste der sexuellen Konnotation wegen.

Ich finde diejenige Installation von Louise Bourgeois mit dem Penis über der Patient:innen-Couch der Psychoanalytikerin Goldy Parin-Matthey ausdrucksstark. Sie hatte sich in einer eigenen Psychoanalyse kritisch mit dem Penisneid bei Freud auseinandergesetzt.

Auch von Adolf Wölfli, dem wohl bekanntesten Art Brut Künstler, der die Struktur seiner «Irrenanstalt» kartographiert hat, ist ein Werk zu sehen.

Die Künstlerin Heidi Bucher nahm mit Leim und Latex die Wände des «Sprechzimmers von Dr. Binswanger» ab und hinterfragte die Rolle der Patientinnen zwischen diesen Wänden.

In der Ausstellung werden noch viele weitere wichtige psychologische PionierInnen in der Schweiz vorgestellt, von denen hier eine Auswahl ist: Ludwig Binswanger mit seiner Daseinsanalyse, Paul Parin und seine Ehefrau Goldy Parin-Matthey mit der Ethnopsychoanalyse, der Entwicklungspsychologe Jean Piaget, Walter Morgenthaler mit seinem Fokus auf die Kunst von Psychiatrie-Patient:innen,  Hermann Rorschach mit seiner Psychodiagnostik, Mira Oberholzer-Gincburg, die die Kinder- und Jugendanalyse mitbegründete, Toni Wolff sowie Jungs Ehefrau Emma Jung-Rauschenbach.

Ich kann nicht auf alle weiteren vorgestellten Schweizer Psychoanalytiker:innen der ersten Generation eingehen, das sprengt diesen Beitrag und dafür gibt es die Exposition. Aber etwas ist mir aufgefallen: Die meisten berühmten, haben sich von Freuds Sexualtheorie entfernt und ihre eigenen autonomen Psychoanalytischen Richtungen entwickelt. Eine intellektuelle Vielfalt, die für die kleine Schweiz doch erstaunlich ist und die deren weltweite Wichtigkeit in der Psychoanalyse begründet. Die Schweiz als Heimat der Tiefenpsychologie ist einer vertieften Betrachtung wert.

 «Seelenlandschaften» im Landesmuseum Zürich dauert noch bis 15.2. 2026

Wem die Ausstellung verwehrt ist, sei das Buch von Steve Ayan «Seelenzauber» sehr zu empfehlen

Link zur Vita von Sabina Spielrein: https://blog.nationalmuseum.ch/2025/11/sabina-spielrein-eine-russisch-juedische-psychoanalytikerin-zwischen-ost-und-west/

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