Tschabalala Self: Fiktion und Realität

Einige Male schon hatte ich den Eindruck, dass Zürich als Kunstmetropole überbewertet wird. In den letzten Jahrzehnten, als beispielsweise das Kunsthaus Zürich noch im Tiefschlaf lag bezüglich Ausstellungen von Künstlerinnen, hat unter dem früheren Direktor Daniel Studer das Kulturmuseum St. Gallen bereits vielbeachtete Ausstellungen zu vergessenen Schweizer Künstlerinnen gemacht. Auch im Kunstmuseum St. Gallen wird unter dem neuen Direktor Gianni Jetzer diese aufgeklärte Tradition weitergeführt. Er verantwortet die aktuelle Ausstellung von Tschabalala Self. Und als ich diese besuchte, fand zugleich in der LOK die von ihm kuratierte Solo-Exhibition der Textilkünstlerin Sheila Hicks statt.

Die Künstlerin Tschabalala Self wurde 1990 in New York geboren und machte unter anderem einen Master-Abschluss in Bildender Kunst an der Yale School University of Art in New Haven und wird in vielen renommierten Galerien und Museen ausgestellt. Das hat einerseits etwas mit ihrer Identität als Schwarze Frau zu tun und andererseits, dass sie die aktuellen Themen wie Rasse, Geschlecht und Schönheitsideale in ihrem Werk erkundet. Dies ist nun ihre erste Solo-Show in der Schweiz.

Die Grösse und Farbigkeit der Exponate sind sehr eindrücklich. In den hier gezeigten neunzehn Werken kombiniert sie diverse Techniken wie Stoff-Collagen, Malerei, Druck. Mit Nadel und Faden setzt sie selbst eingefärbte und auf Flohmärkten gefundene Textilien in ihren Schöpfungen ein. Der Hintergrund ist monochrom oder gemustert. Mit den Paaren oder Einzelpersonen bildet sie keine realen Individuen ab, sondern imaginierte.

Sie sagt, dass sie mit ihren Bildern psychologische und emotionale Zustände ansprechen möchte. Deshalb zeige sie die Menschen nicht in ihrer natürlichen Umgebung, sondern in einer erfundenen.

Neben den zweidimensionalen Werken werden auch Bronzeskulpturen gezeigt. Die sitzenden Personen «Seated Woman» und «Seated Man» sind ihr wichtig. Dabei versucht sie aus der gemalten Zweidimensionalität auszubrechen und sie ins Skulpturale zu überführen. Ich verstehe den Zusammenhang mit dem Themenkomplex thronende Figur oder auch im Kontext der Jim-Crow-Gesetze.

Das von mir gewählte Titelfoto nennt sie «Negligees» und die Erklärung zu den zwei üppigen weiblichen Körperformen, die sich in der Aesthetik ihres Werkes wiederholen, gibt sie hier gerade selber:

Als ich durch die Ausstellung lief, wurde ich von der Expressivität der Darstellungen beinahe überflutet. Die Personen auf den Bildern, und um solche handelt es sich fast ausschliesslich, werden oft übertrieben und abstrahiert dargestellt. Die Künstlerin möchte mit ihren Arbeiten historisch, kulturell und gesellschaftlich geprägte Vorstellungen gegenüber schwarzen Körpern in Frage stellen und „den Schwarzen Körper befreien von Lesarten, die ausgrenzend sind.“

Viele der Darstellungen in den Gemälden sind erotisch explizit. Selbstverständlich gehört Sexualität zu jedem Leben, aber mir fehlen etwas die anderen Bereiche des Alltags. Beim Negligees-Werk: Eine der Frauenfiguren hätte mir gelangt zur Veranschaulichung ihres Gedankens. Irgendwo im Raum vermisste ich dafür zum Beispiel die Figur einer Schriftstellerin. Es hätte nicht Toni Morrison sein müssen, die Künstlerin arbeitet ja mit Avataren und nicht mit realen Menschen. Oder zur Illustration der Diversität eine Wissenschafterin bei der Arbeit.

„I want to strengthen, support and empower women. I want to create artworks that are moving and meaningful for women. To make them feel valuable and seen and believe they can change circumstances. I want them to feel strong and ready to fight.“ Mit ihren in jeglichem Sinne präsenten zwei- und dreidimensionalen Figuren gelingt ihr dies auch.

Auf jeden Fall finde ich die Ausstellung mit diesen starken, selbstbewussten Körpern sehr sehenswert, weil die Künstlerin eine intensive visuelle Wirkung erzielt mit ihren Werken. Umgehend werden emotionale Resonanzen ausgelöst, die dann zu Diskussionen anregen.

Die Stadt St. Gallen mit ihrer textilen Vergangenheit ist die ideale Bühne für die Kunst der Tschabalala Self.

Die Ausstellung „Tschabalala Self-Inside Out“ fand im Kunstmuseum St. Gallen statt.

http://www.kunstmuseumsg.ch

Mich würde interessieren, wie ihr die Ausstellung findet, ob und wodurch sie euch anspricht.

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