Margrit Linck und der Ausbruch aus der Form

Seit einiger Zeit denke ich darüber nach, ob ich überhaupt noch Beiträge über Künstler:innen schreiben soll, wenn ihr doch euren Wissensdurst über KI (Künstliche Intelligenz) stillen könnt. Bevor ich diesen Artikel schrieb, wollte ich deshalb mal testen, was KI über die Keramikerin Margrit Linck zu erzählen hat. Die Antwort von KI war haarsträubend falsch: Sie sei die letzte 1972 in der Schweiz hingerichtete Mörderin, die ihren Gatten getötet hätte!!! Das motiviert mich, noch ein Weilchen selber über Künstler:innen zu berichten aufgrund bewiesener Fakten.

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Was war mir über die Berner Keramikerin Margrit Linck (1897-1982) bekannt? Eigentlich nur, dass sie, obwohl bereits im 19. Jahrhundert geboren, eine moderne, schlichte, geometrische Formensprache auszeichnete. Vor allem ihre Vasen in weiss, blau oder rot sind mir in Erinnerung.

Nun ist aktuell in einer monografischen Ausstellung im Museum für Gestaltung in Zürich ihr vielschichtiges Werk von den Anfängen bis zur Gegenwart im noch existierenden Linck Atelier in Worblaufen zu besichtigen. Die künstlerische Seite von ihr ist mir neu. Dabei ist dies überhaupt nicht erstaunlich, wenn wir ihre biographischen Daten kennen. Sie wurde 1897 in der Nähe von Bern als Margrit Daepp geboren und machte zuerst eine Lehre in einer Töpferei. Danach besuchte sie einige Jahre lang Kunstschulen in Bern, München und Berlin. 1927 kam die Heirat mit dem Bildhauer und Plastiker Walter Linck, mit dem sie in Paris lebte und diverse Künstler:innen kennen lernte. Er verdiente dort seinen Lebensunterhalt als Figuren- und Porträtplastiker. Anfang der dreissiger Jahre kamen sie in den Kanton Bern zurück und Margrit Linck eröffnete als erste Frau ein eigenes Töpfer-Atelier. Damals waren die Frauen vor allem für Bemalung und Dekor zuständig, die Männer für die Arbeit an der Drehscheibe und das Modellieren. Als sie anderen Keramikerinnen das Drehen beibrachte, gab es sogar behördlichen Widerstand. In den ersten Jahren gestaltete sie mit zahlreichen Mitarbeiter:innen vor allem serielle Gebrauchskeramik in ihrem erfolgreichen Handwerksbetrieb. Dabei konzentrierte sie sich ziemlich traditionell auf die bereits bekannten Techniken der Heimberger Keramik.

Zeichnungen waren ihr sehr wichtig auf der Suche nach neuen Formen. Diese bildeten stets den ersten Schritt, bevor das dreidimensionale Objekt dann umgesetzt wurde.

Anfang der vierziger Jahre begann sie neben der Gebrauchskeramik mit freien künstlerischen Arbeiten. Wobei die damals noch nicht ganz frei waren. Stets kann die ursprüngliche Gestalt der Vase noch irgendwo entdeckt werden. Spuren des Surrealismus, den sie in Paris kennengelernst hatte, finden sich nun in ihren Tier- und Menschenfiguren, die sie die Metamorphosen nennt.

Während die von ihr beschäftigten Töpfer:innen und Lernenden Gebrauchskeramik drehten, brannten und glasierten, entwickelte Margrit Linck parallel dazu ihre künstlerischen Kreationen. Und 1938 kam ihr Sohn Christian auf die Welt. Durch den finanziellen Erfolg ihres Betriebes konnte sie den Lebensunterhalt für die kleine Familie bestreiten.

Aber selbst für die von ihr in fünfzig Jahren entworfene Gebrauchskeramik holte sie sich Anregungen in der Kunstszene ihrer Zeit, in der sie und ihr Mann verkehrten, ihrer beiden Objekte stets ebenso gefragt in diversen Ausstellungen in der Schweiz und im Ausland.

Hier mal ein Einblick in drei filigrane Werke aus Draht ihres Mannes neben ihren modernen präzisen Designs.

Die aussereuropäische Kunst von Afrika und Ozeanien wurde ihr durch den Freund des Ehepaares Serge Brignoni nähergebracht, der ethnographische Artefakte gegen Margrit Lincks Kreationen tauschte. Auch dieser Einfluss machte sich in ihren Werken bemerkbar.

Im Jahre 1957 erwarben die Eheleute ein ehemaliges Nonnenkloster im Burgund als Zweitwohnsitz und Atelier. Dort entstanden viele ihrer funktionsbefreiten Auseinandersetzungen mit dem Ton. Achtzehn Jahre später starben ihr Mann und ihr Sohn. Die Schwiegertochter Regula Linck übernahm nach dem Tod von Margrit Linck 1983 die Weiterführung des handwerklichen Betriebs, der heutzutage immer noch existiert und von Annet Berger geführt wird.

Während sich die uns heute bekannte Linck-Gebrauchskeramik in immer strengerer geometrischer Klarheit als avantgardistische Skulpturen präsentierte, hatte die Künstlerin in ihren freien künstlerischen Arbeiten durch Verfremden, Quetschen und Verdrehen mit den konventionellen Methoden der Keramikerin gebrochen. Welch vielfältiges Potential das Medium Ton hat, wird uns durch Margrit Linck in dieser Ausstellung vor Augen geführt.  Wer Margrit Linck als Entwerferin von moderner Schweizer Keramik mit zylindrischen, konischen und runden Segmenten kennt, lernt nun ihr Repertoire zwischen angewandter und freier Kunst in allen Schaffensphasen kennen. Und ich bin ihr interessiert gefolgt, der gestalterischen Freiheit und Experimentierfreudigkeit der Margrit Linck.

Die Ausstellung «Margrit Linck, Pionierin der Keramik» fand im Museum für Gestaltung Zürich statt.

http://www.museum-gestaltung.ch

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