Die portugiesisch/englische Artistin Paula Rego (1935-2022) und die Italienerin Carol Rama (1918- 2015) zählen zu meinen bevorzugten Künstlerinnen, weil beide bereits vor Jahrzehnten bedeutende Beiträge zur feministischen Kunst geleistet haben. Ihre Arbeiten sind bekannt für emotionale Intensität und symbolische Tiefe. Während Regos Werke in der portugiesischen Kultur verwurzelt sind und Geschichten erzählen, bleibt Ramas Werk oft abstrakter und experimenteller. Und es gibt einen grossen Unterschied: Rego erhielt künstlerische Ausbildungen an diversen renommierten Institutionen, während sich Rama eher als Autodidaktin sah.



Carol Rama wurde 1935 in eine wohlhabende Turiner Familie geboren und lebte bis zu ihrem Tod 2015 dort. Durch die Weltwirtschaftskrise ging die Firma ihres Vaters Bankrott und die Lebensumstände der Familie änderten sich grundlegend. Der Vater beging Suizid und die Mutter musste zur Behandlung in die Psychiatrische Klinik «I due Pini». Was der Titel einiger Aquarelle ist, die sie zur damaligen Zeit malte. Diese Bilder waren das Erste, was mir von ihr unter die Augen kam. Ich fand diese drangsalierten Frauen-Körper sehr eindrücklich in ihrer Hilflosigkeit in einer allmächtigen Institution wie der Psychiatrie. Jedoch gab es auch andere Aquarelle mit einer ausdrücklich sexuellen Konnotation. Sie rückte das Abseitige ins Licht. Damit ging sie als junge Künstlerin auf bewusste Konfrontation zur Gesellschaft, in der die Sexualität unterdrückt war. Die Nacktheit ihrer Frauengestalten bedeutete einerseits die Schutzlosigkeit und das Ausgeliefertsein, andererseits auch die gezielte Provokation. Anscheinend wurde im Jahre 1945 eine geplante Ausstellung von ihr mit diesen sexuellen Inhalten von der Polizei noch vor der Eröffnung geschlossen. Das kann ich mir im katholischen Turin gut vorstellen.



In den 30er Jahren hatte sie sich in der Accademia Albertina die Belle Arti eingeschrieben, beendete ihre Studien jedoch nicht. Parallel zu den Aquarellen malte sie traditionellere Porträts in Öl, reduziert mit wenigen Linien, aber in eher düsterer Stimmung.



Fast alle zehn Jahre erfand sie sich neu in einer anderen Werkphase. Obwohl sie stets in Turin wohnte, reiste sie gerne mit befreundeten Künstlern und pflegte Freundschaften mit ihnen wie Andy Warhol oder Man Ray. Sie war eingebunden in den Turiner Intellektuellen-Zirkel mit Antifaschisten, Musikkritikern, Literaten, Künstlern und bekam so selbstverständlich die Entwicklungen der jeweiligen Modeströmungen in der Kunst mit. Experimentieren und Veränderung lagen ihr im Blut. Sie fing an, die zweidimensionale Malerei mit Objekten zu erweitern. Dazu benützte sie Metallspäne, Puppenaugen, Klebstoff, Sprühfarben etc. Natürliches und Künstliches wild gemischt. Lévi-Strauss hatte den Begriff der «Bricolage» entwickelt für improvisierendes Vorgehen und ihr Freund Sanguineti übertrug ihn nun auf diese assoziative Schaffensphase von Rama.


Strenge minimalistische Kompositionen sehen wir dann später mit den «Gomme». Dafür schneidet sie Fahrradschläuche auf. Fast werkfremd wirkt diese arrangierte Ordnung auf mich. Aber sie erwähnte, dass ihr die Reifen viel Freude bereitet hätten, da das Material sie an die Fabrik ihres Vaters erinnert habe.



In den siebziger Jahren trat sie in ihre Schwarze Phase ein. Dazu bemerkte sie: «Schwarz ist das, was mir das Sterben erleichtern wird. Ich würde alles in Schwarz malen, es ist eine Art Einäscherung, wie ein fantastischer Todeskampf…» Hier ein paar Beispiele für ihre monochromen schwarzen Arbeiten:



In der letzten Schaffensphase kehrte sie wieder zur Figuration ihrer Anfänge zurück. Mit einigen der Gestalten von früher wie den bekränzten Frauenfiguren, Schlangen, nackten Körpern, geflügelten Wesen nun in anderen Kompositionen. Als Unterlage nahm sie aber kein leeres Papier mehr, sondern Dokumente, Grundrisse oder Stadtpläne. Ich zeige euch zur Visualisierung auch «La macelleria». Erinnert sie uns damit nicht an Judith und den abgeschlagenen Kopf des Holofernes? Aber anstatt nun schuldig zu blicken, fordert uns die Hauptperson selbstbewusst mit der herausgestreckten Zunge heraus.

Fällt euch etwas auf? Ob im Titelbild oder in anderen euch hier gezeigten Werken strecken die weiblichen Figuren sehr oft die Zunge raus. In der europäischen Kunstgeschichte kam dieses Sinnesorgan kaum vor. Ich erinnere mich an kein einziges Gemälde aus dem Mittelalter mit diesem Sujet. Dabei könnte sie vieles bedeuten wie Durst, Ekel, Erschöpfung, Lust etc. Bei Rama erhält man den Eindruck, dass diese herausgestreckte Zunge auf etwas Schlüpfriges hinweist. Die Zunge könnte mit einem Penis verglichen werden, der feucht und länglich hervorgeschoben werden kann. Kulturwissenschafterinnen sehen sie als Symbol für das weibliche Geschlechtsteil, vor allem für die Klitoris. Jedenfalls könnte dieses in ihren Arbeiten so sichtbare Sinnesorgan als freizügiges Verhältnis zum eigenen Körper, zu Lust und Selbstermächtigung interpretiert werden.



Obwohl sie in Italien viele bedeutende Solo-Ausstellungen hatte, wurde sie einem grösseren Publikum erst in ihren späten Jahren bekannt. 2003 erhielt sie an der 50. Biennale di Venezia den goldenen Löwen für ihr Lebenswerk. Und danach begannen die Museen in mehreren europäischen Ländern Einzel-Expositionen zu organisieren. Die Retrospektive in New York fand aber erst nach ihrem Tod statt.

Ja, wir können Carol Rama Rebellin nennen, auf jeden Fall war sie eine mutige und, wie sie meinte, wütende Nonkonformistin.

Ich besuchte die Schirn Kunsthalle in Frankfurt, die die Ausstellung «Carol Rama Rebellin der Moderne» bis 2. Februar 2025 zeigte. Wer nicht dorthin konnte, hatte die Möglichkeit von März bis Juli 2025 im Kunstmuseum Bern dieselbe Ausstellung zu sehen.
Interessanter Bericht. Vielen Dank!
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Dankeschön, sehr gerne geschehen!
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