Semiha Berksoy: Verschmelzung von Gesang und Gemälde

Vor dieser Ausstellung im Hamburger Bahnhof habe ich noch nie von der türkischen Künstlerin Semiha Berksoy gehört. Ja, gehört. Sie war eine der bekanntesten türkischen Opernsängerinnen ihrer Ära. Und ihre bemerkenswerte Sopranstimme begleitet uns passend durch die verschiedenen Räume mit ihrem künstlerischen Werk.

Semiha Berksoy (1910-2004) hatte eine aussergewöhnliche Biographie für eine Türkin der damaligen Zeit. Sie wurde 1910 in eine wohlhabende Familie in Istanbul geboren. Ihr Vater war im öffentlichen Dienst tätig und zugleich Lyriker, ihre Mutter Malerin. Die geliebte Mutter starb, als das Kind erst achtjährig war. Der Tod der Mutter war für das Kind Semiha ein tiefer Einschnitt. Ihre malende Mutter war für ihren Wunsch, sich auch als bildende Künstlerin zu betätigen, massgebend.

Stellt euch die Türkei vor über hundert Jahren vor. Als Kind erlebte sie den Ersten Weltkrieg, den Türkischen Befreiungskrieg und die Geburt der Republik 1923. Unter Mustafa Kemal Atatürk war das Land bestrebt, sich als ein von Religion unabhängiger, moderner Staat zu etablieren, der Kontakte mit den wichtigen europäischen Mächten pflegte. Und in dieser Aufbruchsstimmung gab es auch für eine talentierte junge Frau vielerlei Möglichkeiten von Ausbildungen. Zuerst studierte sie Gesang an berühmten Konservatorien in Istanbul, Mailand und Rom. Rasch wurde ihr Talent erkannt und sie trat an bedeutenden internationalen Opernhäusern auf und erhielt dort tragende Rollen mit ihrem breit gefächerten Repertoire. Aber auch als Konzertsolistin brillierte sie. Zugleich war sie ebenso eine talentierte Schauspielerin, die verschiedene Engagements auf Bühnen und in Filmproduktionen erhielt. Also für die damalige Zeit eine aussergewöhnlich erfolgreiche Karriere.

Parallel zu ihrer Musikausbildung hatte sie bereits als Achtzehnjährige Malunterricht genommen, den sie mit einem Studium der Keramik und Bildhauerei ergänzte. Aber bis in den sechziger Jahren erfüllten Oper, Theater, Kino und Dichtung den Grossteil ihres Lebens. Ich fragte zwei Künstliche Intelligenz-Systeme über das Privatleben der Berksoy aus. Die eine Antwort war, dass sie nie verheiratet war, die andere dass diese mehrere Male verheiratet gewesen sei, auch mit dem Schriftsteller Refik Ahmet Sevengil. Mir ist nur ihre Ehe mit Zühtü Berksoy, einem türkischen Theaterregisseur bekannt, mit ihm hatte sie die Tochter Zeliha, die ebenfalls eine renommierte Schauspielerin und Regisseurin in der Türkei ist. Wobei es in der Ausstellung noch ein Foto gibt mit einem anderen Ehemann Ercüment Siyavusoglu. Gesichert ist ihre stürmische Liebesgeschichte mit dem berühmten kommunistischen Dichter Nazim Hikmet. Sie besuchte ihn regelmässig im Gefängnis, in das er aus politischen Gründen kam, und porträtierte ihn obsessiv in ihren Werken.

Warum sehen wir nun in Berlin eine grosse Retrospektive? Berksoy hatte tatsächlich eine lebenslange Verbindung zur deutschen Kultur. Von 1936 bis 1939, also während des Nazi-Regimes, erhielt sie ein Stipendium der türkischen Regierung für ein Studium an der Hochschule für Musik in Berlin. Und als sie daraufhin die Hauptrolle in Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos sang, wurde sie gefeiert als erste muslimische Primadonna Europas. Sie war als Vertreterin einer nicht-deutschsprachigen Kultur auch eine interessante, «exotische» Figur für das damalige Publikum.

Falls ihr euch wundert, wie eine von den Nazis verpönte muslimische Ausländerin in Deutschland Erfolge feiern konnte, dann sei daran erinnert, dass die Nationalsozialisten durchaus zu Staaten Kontakte pflegten, die ähnliche Ansichten hatten. Die Türkei unterhielt damals diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu den Nazis. Und AusländerInnen, die genau das verkörperten, was unter deutscher Hochkultur verstanden wurde, waren geduldet. Aber es hatte auch negative Reaktionen gegeben: Die Hitlerjugend hatte gegen die erste türkische Primadonna Front gemacht. In der Ausstellung wird auch ein Schreiben gezeigt, in dem die junge Berksoy verlangt hatte, den von ihr zuerst geschätzten Lehrer auszuwechseln. Könnte dies ein Hinweis auf eine Belästigung der jungen, schutzlosen Ausländerin gewesen sein? Dem Wechsel wurde nicht stattgegeben. Zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kehrte sie in die Türkei zurück.

Ihre Karriere hatte grossen Anteil bei der Etablierung von Oper und Theater in der Türkei, da unter Atatürk kulturelle Reformen vorangetrieben wurden. Ihr Höhepunkt war 1943 die Premiere der türkischen Nationaloper «Özsoy», in welcher sie die Hauptrolle übernahm. Welche berühmten Hauptrollen sie nicht alles auf internationalen Bühnen interpretierte: Violetta in La Traviata, Tosca in der Tosca, Aida in der Aida, Donna Anna in Don Giovanni, Cio-Cio-San in Madame Butterfly, Carmen in der Carmen um nur einige zu nennen. Wobei die Carmen ja eine Mezzosopran-Stimme benötigt, aber Berksoy sang sie in einer seltenen Fassung mit Sopran-Interpretation. Da ihre Stimme sowohl in der Höhe wie Tiefe kraftvoll war, ermöglichte ihr dies ein breites Repertoire. In all ihren Darstellungen war sie berühmt für ihre emotionale Tiefe und technische Brillanz.

Weshalb hatten Berksoy ihre musikalische und die Theater-Karriere nicht gereicht? Ich könnte mir vorstellen, dass die stark reglementierten klassischen Opernrollen ihr zu wenig kreative Freiheit liessen. Und dabei war sie immer abhängig von einem grossen Ensemble aus Kolleg*innen, Regisseuren, Orchestern etc.

In der Malerei gab es nur sie und ihre Befindlichkeit. Bis jetzt ist der Eindruck entstanden, Berksoy wäre eine Überfliegerin gewesen, der alles in den Schoss fiel. Doch dies trügt. So einfach gelang in der konservativen, religiösen Türkei die Transformation der Rolle von der Mutter und Hausfrau zur modernen, emanzipierten Frau nicht. Es gab noch viele Einschränkungen, wie sich eine muslimische Frau zu verhalten hatte, sich nicht auf Bühnen der Öffentlichkeit preiszugeben, sich mit keinem anderen Mann als dem eigenen zu zeigen, ausser Haus keiner Erwerbsarbeit nachzugehen.

Es hatte Berksoy viel Mut und Kraft abverlangt diese traditionellen Rollenbilder aufzubrechen. Und dabei wird nun klar, warum die Malerei, die sie nie ganz aufgegeben hatte, ab den sechziger Jahren so wichtig für sie wurde. Hier konnte sie sich selbst sein. Sie hatte keinen bestimmten Stil, war von einer Vielzahl von Einflüssen aus der westlichen Kunstgeschichte und der türkischen Kultur geprägt, aber vor allem von ihrer eigenen Wahrnehmung der Welt. Das wiederkehrende Motiv ist der Mensch. Irgendwo habe ich gelesen, dass ihre Gemälde wie «visuelle Partituren» wirkten. Das hat was. Wir sehen dies, wenn sie ihre Opernfiguren oft verzerrt auf die Leinwand transformiert. Die dramatischen Emotionen, die sie im Gesang auf der Bühne ausdrücken musste, finden sich in ihren intensiven Darstellungen von Frauen, Gesichtern und Körpern. Verzweiflung, Liebe, Sehnsucht alles kennen wir aus der klassischen Musik. Einige Bilder enthalten traumähnliche Szenerien, fast surreal, andere eher expressionistische Elemente mit ihrer kraftvollen Linienführung und Farbwahl.

Als Malerin liess sie ihre Visionen, ihre seelischen Kämpfe auf die Leinwand und in die unzähligen Selbstporträts fliessen, wobei sie oft die Grenzüberschreitung von inneren Welten und äusseren Realitäten thematisierte. Ihr Werk spiegelt somit die Vielschichtigkeit ihres eigenen Lebens wider, ob als Opernsängerin, Schauspielerin oder bildende Künstlerin. Sie blieb bis ins hohe Alter aktiv und starb 2004 in Istanbul. Sie hatte viele Auszeichnungen erhalten, in der Türkei sogar den Titel «Staatskünstlerin». Semiha Berksoy war eine zutiefst kreative Person, die sich immer wieder neuen Ausdrucksmöglichkeiten zuwandte. Es wäre ihr zu gönnen, heutzutage einem breiten Publikum bekannt zu werden.

Ich möchte schliessen mit einem Zitat von ihr: »I do it all. It does not make a difference to me whether I sing, paint, speak, act…everything is done by feeling……… feeling defines it all.”

Es machte durchaus Sinn, diese Solo-Ausstellung in Berlin zu veranstalten, bereits 1969 gab es eine in Berlin, da Semiha Berksoy lebenslang mit Deutschland verbunden war. Die gelungene Ausstellung «Singing in Full Color» fand im Hamburger Bahnhof statt.

https://www.smb.museum/museen-einrichtungen/hamburger-bahnhof/home/

2 Antworten auf „Semiha Berksoy: Verschmelzung von Gesang und Gemälde

  1. Danke für diese Einblicke in die Kunst dieser Künstlerin, die mir bis anhin kein Begriff war. Es war ein schönes Eintauchen und Neues Entdecken. Faszinierend, diese Begabung, die wohl in allen Bereichen der Suche nach dem Ausdruck geschuldet war. Einer spielerischen Suche. Beim Blick auf die Biografie vielleicht sogar überlebenswichtig.

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