Jüdische Designerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Wie wir wissen, waren um 1900 herum Frauen in Deutschland mit Gesetzen konfrontiert, die ihnen die akzeptierte Teilhabe an beruflichen Ausbildungen sowie Weiterbildungen erschwerten und einschränkten. Frauen hatten kein Wahlrecht und waren rechtlich nicht geschäftsfähig. Auch im Privatleben galten gesetzliche Restriktionen, wobei der Ehemann die rechtliche Vormachtstellung innehatte. Unverheiratete Frauen standen häufig unter Vormundschaft des Vaters oder männlicher Verwandter. Die vorherrschende Ideologie waren die drei K: Kirche, Küche, Kinder. Dabei galt die Frau als sittlich-moralische Hüterin des Haushalts und der Familie. Jüdische Frauen, die gegen diese gesellschaftlichen Widerstände ankämpften, waren in eher konservativen Herkunftsmilieus ungern gesehen. Zudem waren sie in den kommenden Jahrzehnten Antisemitismus und Verfolgung ausgesetzt. Jüdische Künstlerinnen hatten also mit vielfältigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das Jüdische Museum Berlin stellt in der Ausstellung «Widerstände-Jüdische Designerinnen der Moderne» sechzig Kunsthandwerkerinnen, die zum grossen Teil vergessen sind, mit ihren Werken vor.

Mir waren einige der Kunsthandwerkerinnen bekannt, weil ich ein Buch über Frauen am Bauhaus besitze. Dort haben jüdische Studentinnen und Künstlerinnen auch als Lehrerinnen eine wichtige Rolle gespielt. Einige kamen aus bürgerlichen oder intellektuellen Familien und sahen im Bauhaus eine moderne Ausbildungsstätte, die ihnen berufliche Perspektiven bot. Ich denke an Friedl Dicker 1898-1944 (Buchbindearbeiten, Stoffentwürfe und Bühnenbilder), Benita Koch-Otte 1892-1976 (funktionale Textilentwürfe für moderne Architektur), Marguerite Friedlaender-Wildenhain 1896-1985 (Keramik), Otti Berger 1898-1944 (Weberei), Lucia Moholy 1894-1989 (Fotografin) und Anni Albers 1899-1994, (Malerei, Weberei), die ab dem 7.11. im Zentrum Paul Klee eine Retrospektive mit ihrem kreativen und experimentellen Schaffen bekommt. Sie hatte ja damals bei Paul Klee am Bauhaus Unterricht.

Das Bauhaus galt offiziell als religionsneutral, zog aber überdurchschnittlich viele jüdische Studierende an, vor allem Frauen. Deren Anteil war deutlich höher als an den normalen deutschen Kunsthochschulen. Es gab bezüglich Diskriminierung drei unterschiedliche Phasen am Bauhaus: In der ersten unter Walter Gropius war es relativ kosmopolitisch und liberal. In der mittleren Phase im Übergang zur neuen Sachlichkeit verschob sich die Atmosphäre, die antisemitischen Ressentiments nahmen in der Gesellschaft zu und ebenso im Bauhaus. Jüdische Studentinnen wurden häufiger in die Weberei gedrängt und wurden somit zweifach an den Rand gestellt. Anni Albers wollte unbedingt Malerei studieren, wurde aber in die Textilwerkstatt geschickt. Zeitzeugenberichte deuten klare soziale Cliquen an. Die deutsch-national Gesinnten grenzten jüdische und internationale Studierende zunehmend aus.

In der späten Phase 1928-1933 erstarkten die nationalsozialistischen Kräfte und man warf dem Bauhaus jüdisch-bolschewistische Umtriebe vor. Jüdische Student:innen und Lehrer:innen wurden systematisch gemobbt und ausgegrenzt. Als Frauen und Jüdinnen waren sie innerhalb der männlich dominierten Avantgarde doppelt marginalisiert. Oft hochbegabt erhielten sie keine Anerkennung und ihre Namen wurden nach 1933 bewusst aus der Geschichtsschreibung gelöscht.

Das weiss ich über die jüdischen Bauhausstudentinnen. Nun stellt diese aktuelle Schau aber ein weites Spektrum der 60 Designerinnen vor, um sie vor dem Vergessen zu bewahren wie Textilkunst, Keramik, Goldschmiedekunst, Holzschnitzerei, Modedesign, Grafik, Illustration, Spielwaren, Kinderbücher und religiöse Objekte.  Dazu werden mehrere hundert Exponate gezeigt. Zwanzig Jahre lang sammelte Michal S. Friedlander, Kuratorin am Jüdischen Museum in Berlin, international in Archiven, Nachlässen und im Internet dafür. Ich kann euch selbstverständlich keinen umfassenden Überblick über dieses vielfältige und progressive Schaffen zeigen, dafür müsst ihr in die Ausstellung.

Neben dem Bauhaus erwarben sich die Studentinnen ihr Können auch an der Schule Reimann. Diese von einem jüdischen Ehepaar 1902 gegründete Kunst- und Designschule war eine der grössten Privatschulen Deutschlands, bis sie während der Novemberprogrome 1938 verwüstet wurde. Praxisnähe war zentral. Es gab neben den Werkstätten auch Verkaufsräume und sie war bekannt für ihre Schaufensterdekorationen. Die Schule war sehr flexibel und konnte rasch auf industrielle und gewerbliche Trends reagieren, was gerade in der Mode und dem Stoffdruck wichtig war. Ihr Programm bot Kunst, Schmuck, Textil-, Mode-, Plakat- und Grafikdesign an. Das Bauhaus war stärker mit Architektur, Industrie und Avantgarde verknüpft. Die Schule Reimann hatte einen stärkeren Bezug zu Mode, Werbung, Werkstattpraxis und Alltagsgestaltung.

Jetzt wissen wir also, woher die vorgestellten Designerinnen ihre fundierte Ausbildung erhielten. Doch danach mussten sie sich unternehmerisch und handwerklich behaupten. Das gelang in den 20er Jahren vielen ziemlich gut, zum Beispiel in der Modebranche und der Illustration. Da gehörten sie zu den Wegbereiterinnen mit ihren gewagten Ideen und repräsentierten die «Neue Frau» als alleinstehende emanzipierte Berufsfrau, zudem setzten sie über die Printmedien mit ihren Anzeigen in Deutschland Modetrends.

Überhaupt war die Weimarer Moderne die Zeit des Aufbruchs, in der diese Kunsthandwerkerinnen ihre fortschrittlichsten Phasen hatten, andere Märkte entstanden und neue Designs entwickelt wurden.

Ab 1933 wurden jüdische Menschen von den Nazis verfolgt. Dadurch verloren sie ihre Arbeit und wurden aus dem kulturellen Leben verdrängt. Ohne Einnahmequellen gerieten sie in Armut. Daraufhin gründeten einige einen unabhängigen jüdischen Kultursektor oder organisierten Ausbildungen in Handwerk oder der Krankenpflege. Der Kulturbund Deutscher Juden bot mit seinem Programm an Konzerten-, Theater-, Opern- und Puppenspielaufführungen Einnahmequellen an.

Aber die Gewalt der Nazis verschlimmerte sich und Jüdinnen und Juden versuchten aus Deutschland zu fliehen. Andere gingen in den Untergrund oder nahmen sich das Leben. Die Mehrheit der verbliebenen Jüdinnen und Juden wurde ermordet. Das Erschütternde der Ausstellung ist, dass die Lebensspanne vieler dieser Designerinnen aufgrund der grausamen Umstände nur kurz währte.

Und diejenigen, die rechtzeitig geflohen waren, hatten in den Zielländern manche Schwierigkeiten nicht nur mit der fremden Sprache. Oft hatten sie ihre Familie zurückgelassen, auf jeden Fall aber ihre beruflichen und sozialen Netzwerke. Trotzdem gelang es einigen, ihren (bescheidenen) Lebensunterhalt zu verdienen. Andere machten Karriere wie Irene Saltern, die damals zur wichtigsten Kostümbildnerin der US-amerikanischen Filmindustrie wurde.

Warum ich diese Exposition immens wichtig finde: Sie erzählt eine vollständigere Geschichte der Moderne. Die jüdischen Künstlerinnen und Gestalterinnen des frühen 20. Jahrhunderts wurden bislang übersehen, marginalisiert oder ausgelöscht. Sie hatten gegen doppelte Widerstände zu kämpfen nämlich Misogynie UND Antisemitismus. Moderne Designgeschichte ist ohne Jüdinnen nicht vollständig erzählbar. Diese Ausstellung zeigt eindrucksvoll nicht nur das Werk, sondern auch die Kurz-Biographien der jüdischen Kunsthandwerkerinnen und wie sie trotz Benachteiligung kreative Wege fanden und prägende Impulse setzten. Sie ist ein Akt der Sichtbarmachung, den ich mit diesem Beitrag unterstützen möchte. Die Schau würdigt ihren Mut, ihre Innovation und ihren Widerstand. Ich empfehle sie wärmstens.

«Widerstände   Jüdische Designerinnen der Moderne» endete am 24. November 2025

www.jmberlin.de

2 Antworten auf „Jüdische Designerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

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