Die Subtilität der Barockmalerin Michaelina Wautier

Als ich vor ein paar Jahren im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen die Ausstellung über Ostschweizer Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts besuchte, wurde ich vom Direktor Daniel Studer durch die Ausstellung geführt. Er machte mich auf die Schwierigkeiten aufmerksam, heutzutage an Informationen über Leben und Werk der damals durchaus bekannten und überdurchschnittlichen Künstlerinnen zu gelangen. In den Künstlerlexika kaum präsent, ohne gesicherten Nachlass, manchmal in der Familie noch ein paar biographische Details überliefert. Oder ihre Werke wurde wie einige von Michaelina Wautier einfach männlichen Künstlern zugeschrieben.

In der aktuellen Ausstellung des Kunsthistorischen Museums in Wien zeigen sich anhand der barocken Künstlerin Michaelina Wautier dieselben Schwierigkeiten der Rekonstruktion. Was wir wissen: Sie wurde wahrscheinlich 1614 in Mons, dem heutigen Belgien, geboren und hatte elf Geschwister aus den zwei Ehen ihres Vaters. Die Familie hatte Verbindungen zur Universität Löwen und ins künstlerisch-intellektuelle Milieu. Ihre Familie verfügte durch Anleihen und Renten über finanzielle Stabilität und konnte Michaelina eine solide Ausbildung gewähren. Über ihre künstlerische Förderung kann nur spekuliert werden. Wahrscheinlich unterstütze sie ihr Bruder Charles, der selber ein geschätzter Maler mit vielen Aufträgen war. Die beiden blieben ledig, wohnten gemeinsam in Brüssel und arbeiteten in Charles Atelier. Dort könnte sie auch mit der Aktmalerei vertraut gemacht worden sein, die für Künstlerinnen eigentlich als unziemlich galt.  Sie verstarb 1689 in Brüssel, ihr gesamtes Vermögen vermachte sie ihrem Bruder. Da dieser ein renommierter Künstler war, wurden einige ihrer Bilder ihm zugeschrieben.

Warum diese Ausstellung in Wien? Erzherzog Leopold Wilhelm hatte vier ihrer Gemälde in seiner Sammlung. Er wirkte als Kunstmäzen und unterstützte neben Peter Paul Rubens auch Michaelina Wautier. In der Ausstellung sind nun 35 Exponate zu betrachten. Mehr sind von ihr (noch) nicht bekannt. Vor allem das Highlight ihres Oeuvres, das komplexe Historiengemälde «der Triumph des Bacchus», das von den Metamorphosen des Ovid inspiriert wurde, zieht die Besucher:innen an. Dieses signierte sie nicht mit Namen, sondern malte sich als eine der Baccantinnen. Da es den Frauen viele Jahrhunderte verwehrt blieb, in Akademien das Aktstudium aufzunehmen, ist das Bild mit den präzisen, fast nackten Männerkörpern eine kleine Sensation. Zudem benötigte es Mut, einer der Anhängerinnen des Weingottes ihre Gesichtszüge zu verleihen und uns dabei noch direkt anzublicken, da diese als frivol und hemmungslos galten.

Aber sie fertigte auch ein «richtiges» Selbstporträt von sich mit den Insignien einer Künstlerin an. Allgemein möchte ich nach Sicht ihrer Werke behaupten, dass sie eine gewisse Nähe zu ihren Modellen gehabt haben muss. Denn deren Gesichter gibt sie ausdrucksstark und einfühlsam wieder. Und es sind öfters originelle Darstellungen zu bewundern. Am Beispiel des von mir gewählten Titelbildes hat sie die beiden Märtyrerinnen die hl. Agnes und hl. Dorothea als junge, zarte Mädchen aus besserem Hause gemalt. Überhaupt umfasst ihr Oeuvre viele verschiedenen Gattungen wie Porträt-, Genre-, Historienmalerei sowie Stillleben.

Wie ihre niederländische Malerkollegin Rachel Ruysch (1664-1750) beherrschte auch sie die Kunst des Blumenstilllebens.

Unkonventionell fallen die «Fünf Sinne» aus, in denen sie auf fünf Gemälden Szenen der Kindheit durch fünf Knaben verkörpern lässt: Sehen, Hören, Schmecken, Tastsinn und Riechen. Vor allem das Riechen eines faulen Eis mit der zugehaltenen Nase umzusetzen ist ihr nachvollziehbar gelungen. Diese Serie von ihr wurde erst 2020 entdeckt.

Noch eine Besonderheit ihres Oeuvres bietet die Farbpalette ihrer Ölgemälde, wobei Ockergelb und Altrosa dominieren. Die weiteren Pigmente waren Bleiweiss, Kohlenschwarz, Braun-, Rot- und Gelberde, Zinnober und Rotlack.

Was ich mich dabei aber frage, wie kamen mit dieser Palette so klare Blautöne auf die Bilder? Blau konnte ja kaum gemischt werden. Ultramarin aus Lapislazuli war teurer als Gold und wurde fast nur für Maria verwendet als Zeichen der Reinheit. Sie benötigte das Blau beispielsweise für den Umhang einer Heiligen und die Verkündigung.

Durch Röntgenfluoreszenzanalyse entstand eine Liste mit verschiedenen Elementen der Farbschichten wie Blei, Eisen, Quecksilber, Mangan, Schwefel und Kupfer. Das Kupfer wurde im 17. Jahrhundert als Trocknungsmittel verwendet. Wenn ich so etwas erfahre, staune ich jeweils, dass diese Künstler:innen den giftigen Bestandteilen zum Trotz ein hohes Alter erreichten.

Durch technische Forschung können wir heutzutage neben dem Stil vieles aufschlüsseln wie Farbpigmente, Malschichten, Pinselführung etc. Wichtig ist dies bei der Zuschreibung von künstlerischen Werken. Denn oft wurden sie von den Frauen nicht signiert. Bei Michaelina gab es zudem den Umstand, dass es zwei Geschwister mit demselben Nachnamen gab, die beide auf höchstem Niveau tätig waren.

Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien ist eindrucksvoll und interessant, weil erneut eine ungewöhnliche und hochtalentierte Künstlerin ins Rampenlicht geholt wird, die es verdient. Und gespannt dürfen wir sein, welche Entdeckungen die Nachforschungen zu Michaelina Wautier in Zukunft hervorbringen werden. Wir jedenfalls kennen nun ein paar ihrer wichtigsten Werke.

Die Ausstellung «Michaelina Wautier. Malerin» dauert noch bis 22.2.2026

https://www.khm.at/ausstellungen/michaelina-wautier

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