Schweizer Künstlerinnen im 19. Jahrhundert am Beispiel von Louise Catherine Breslau und Sophie Schaeppi

Das 19. Jahrhundert  war von grossen Umwälzungen in der Politik, Industrie und Wissenschaft geprägt. In der «Chronik der Schweiz» werden in diesen Zusammenhängen vor allem bedeutende Männer erwähnt. Frauen sind darin eine Quantité Négligeable. (Zur Illustration: Paul Julius Möbius veröffentlichte noch 1900 sein Buch mit dem Titel Ueber den physiologischen Schwachsinn des Weibes.)

Warum sollte diese fehlende Präsenz bei den Schweizer Künstlerinnen wohl anders sein? Um sich dieser Wissenslücke anzunehmen, beschlossen die Verantwortlichen im Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen, uns elf Pionierinnen der bildenden Kunst vorzustellen. Ich werde euch von zweien eine exemplarische Schilderung geben.

Die in der Schweiz bekannteste war Louise Catherine Breslau (1856-1927). Von ihr stammt mein Titelbild. In München geboren, zog ihr Vater, ein Gynäkologieprofessor, mit der Familie nach Zürich, wo sie aufwuchs.

Als Zwanzigjährige beschloss sie, nach Paris zu reisen, um an der Académie Julian zu studieren. Paris war eine der wenigen Städte weltweit, an der auch Frauen eine künstlerische Ausbildung erwerben konnten. Jedoch zum doppelten finanziellen Preis wie ihre männlichen Kollegen. Paris war für die meisten der damaligen Schweizer Künstlerinnen das Paradies schlechthin. Ihnen waren keinerlei Grenzen gesetzt, weder in der Ausbildung noch im Privatleben. Einige dieser Schweizerinnen konnten dort offen mit ihren weiblichen Gefährtinnen leben. So auch die Breslau. Da sie ein anerkanntes Talent war, erhielt sie viele Aufträge und bekam die Gelegenheit, in den bedeutendsten Salons auszustellen. Sie erhielt einige Preise, so an den Pariser Weltausstellungen 1899 und 1900 die Goldmedaille.

Louise Catherine Breslau unternahm Studienreisen und hatte einen grossen Bekanntenkreis. Bis zum 1.Weltkrieg war sie eine der gefragtesten Porträtistinnen. Auch zählte sie bereits im 19.Jahrhundert zu den ersten Frauen in der Pariser Salon-Jury. Nachdem sie 1927 starb, fand in Paris eine grosse Gedächtnisausstellung statt.

Sophie Schaeppi (1852-1921) war eine eher unbekannte Künstlerin, die ich euch näher vorstellen möchte. Es bedurfte intensiver Recherchen durch Anne-Catherine Krüger, dass ich euch etwas vermitteln kann. Sophie Schaeppi wuchs in gutbürgerlichen Verhältnissen in Winterthur auf.  Der Zürcher Maler Rudolf Koller beklagte, dass er sie nicht in sein Atelier aufnehmen könne, trotz Talent, weil sie ein Frauenzimmer sei. Und dass es weder in der Schweiz noch in Deutschland Akademien für Malerinnen gäbe. (Die Kunstakademien schoben als Grund dafür jeweils fehlende Begabung und/oder angeborenen Dilettantismus vor.)

Nun, Sophie Schaeppi machte ihren Ausbildungsweg. Dafür ging sie zuerst nach München an die Kunstschule für Mädchen und durfte dort sogar Aktstudien betreiben. (Unerhört für die damalige Zeit). Auch, dass sie als alleinstehende Frau ins Ausland zog, war unüblich und unvereinbar mit der traditionellen Geschlechterrolle der Ehefrau und Mutter.

Sie meinte: « draussen, allein mit der schönen Natur, ist man immer glücklich». Und liebte die Pleinair-Malerei. Zurück in Winterthur nach der Münchner Zeit fand sie erneut keine geeigneten Lehrer. Deshalb begab auch sie sich nach Paris an die Académie Julian. Sie lernte dort Louise Catherine Breslau kennen und wohnte bei ihr. Die beiden verband eine lebenslange Freundschaft. An der Académie wurde die traditionelle Ausbildung mit dem Schwerpunkt auf die Figurenmalerei gepflegt. Deswegen beschäftigte sie sich vor allem mit Porträts. Aber auch, weil diese gerade sehr gefragt waren. Sie war keine Künstlerin aus grossbürgerlichen oder adeligen Kreisen, hatte keine Mäzenin und musste sich daher stets Sorgen um ihren Lebensunterhalt machen.

Sie löste sich mit der Zeit von den Vorgaben der Akademie und fand auf kleinen Reisen ans Meer zurück zu ihrer Pleinair-Malerei. Ihr Werk wurde vielfältiger im Stil, ob realistisch, impressionistisch oder naturalistisch, alles probierte sie aus. Auch eher dekorative Arbeiten wie dieser Paravent entstanden.

Théodore Deck hatte nach ausgiebigen Experimenten das Geheimnis der Fayencenmalerei für Europa entdeckt und benötigte KünstlerInnen, die diese mühevolle Technik beherrschten. Die Farben, die aufgetragen wurden, waren alle grau. Erst nach dem Brennen wurden sie sichtbar. Deshalb war eine gute Vorstellungskraft neben einer präzisen Hand essentiell. Sophie Schaeppi arbeitete während 25 Jahren für seine Firma, weil sie auf diese Einkünfte angewiesen war.

Eine Arbeit, die ihr im Gegensatz zu den Fayencen grossen Spass gemacht hatte, waren Buchillustrationen. So hatte sie zum Beispiel die Zeichnungen gefertigt, als der Komponist Hans Huber die Gottfried Keller Novelle „Hadlaub“ vertonte.

Die Biographie Sophie Schaeppis bestimmte ihre Kunst, ob Techniken oder Inhalte. Nachdem sie zwanzig Jahre in Paris mit seinen Salons, Museen, mit all ihren Auftraggebern und KollegInnen verbracht hatte, rief die Familie die Unverheiratete zurück nach Winterthur.

Zuhause war sie zuerst ganz hoffnungslos ohne die Inspirationen der Kunstmetropole. Neben den familiären Verpflichtungen malte sie weiter Fayencen und unterrichtete Schülerinnen in Pleinairmalerei. Daneben versuchte sie, sich ein bisschen Zeit zu reservieren für ihr eigenes Werk. Dieses bestand dann vor allem in impressionistischer Landschaftsmalerei auf kleinen Holztafeln.

Dort erschien auch ihr erstes Kinderbuch „Der Tante Sophie Bilderbuch“ mit ihren Illustrationen. Den Text dazu schrieb ihre Schwester Louise.

Doch eigentlich war sie unglücklich über die Enge des familiären und kulturellen Lebens, das sie in Winterthur gezwungen war zu führen. Sie bekam ein Augenleiden, das Elternhaus wurde verkauft und sie musste Winterthur verlassen. In Zürich starb sie 1921 unter sehr bescheidenen Verhältnissen.

Die künstlerisch tätigen Frauen im 19. Jahrhundert kamen meistens aus gutbürgerlichen oder adeligen Kreisen und sie litten kaum unter materieller Not. Zwar war das vorherrschende Frauenbild das der Mutter und Hausfrau, aber solange die Künstlerinnen die Kunst nicht als ernstzunehmende Arbeit und Broterwerb ansahen, wurde dies durchaus akzeptiert und unterstützt.

Frauen wie Sophie Schaeppi aber waren damals Pionierinnen, da sie sich als unverheiratete Frauen gegen die Gesellschaft und die Familie stellten. Dies brauchte viel Mut. Auch ihre künstlerische Anerkennung mussten sie sich hart erkämpfen neben den alltäglichen Sorgen, wie einer angemessenen Unterkunft als alleinstehender Frau und einem fehlenden geregeltem Einkommen. Sie erhielten weniger Möglichkeiten auszustellen, wurden in den Zeitungen seltener erwähnt und bekamen für ihre Werke nur einen Bruchteil dessen, was den männlichen Kollegen ausbezahlt wurde. Deshalb benötigten sie einen starken Durchhaltewillen auf diesem beschwerlichen Weg.

An der Ausstellung BERUFSWUNSCH MALERIN werden uns elf dieser Wegbereiterinnen der Schweizer Bildenden Kunst vorgestellt. Keine dieser Künstlerinnen war einfach zum Zeitvertreib kreativ. Sie bildeten sich aus und stets weiter, obwohl ihnen gerade dabei viele Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Ihre Werke bezeugen ihr Talent, das meiner Meinung nach den Vergleich mit damaligen männlichen Kollegen nicht zu scheuen braucht.

Es war ein grosser mehrjähriger Aufwand nötig für diese Ausstellung. Von manchen Künstlerinnen existierte in der ganzen Schweiz nicht mal ein Foto. Bei Ida Baumann wurde dann eines in einer Englischen Zeitung gefunden. Nach damaliger Auffassung waren die meisten dieser talentierten Frauen für die Schweiz des 19. Jahrhunderts unwichtig. Wollen wir ihnen heutzutage unsere Referenz erweisen? Ich finde: UNBEDINGT!

Die Ausstellung: Berufswunsch Malerin: Elf Wegbereiterinnen der Schweizer Kunst aus 100 Jahren findet bis 31. Januar 2021 in St. Gallen im Historischen und Völkerkundemuseum statt.

www.hvmsg.ch

Ich möchte mich beim Direktor Daniel Studer für das interessante Gespräch bedanken und dass er sich viel Zeit nahm, um mir die Ausstellung zu zeigen. By the way: Er ist Kunsthistoriker und hat bereits in den 80er Jahren seine Dissertation über eine dieser Künstlerinnen geschrieben, über Martha Cunz. Mit wieviel Sachkenntniss und Herzblut die Ausstellung gemacht wurde, merkt ihr sofort. Ich empfehle euch, unbedingt eine Führung mitzumachen.  

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