Agnes Wyler: weiter Träumen

Das erste Mal getroffen habe ich AGNES WYLER an einer Retrospektive über Maria Lassnig. Danach haben wir etwas getrunken, geredet und sie hat mich in ihr Atelier in Zürich eingeladen.

Im Hinterkopf hatte ich ihre schwarz/weiss Zeichnungen, die sie in ihrer Installation THE SAME AS THE OTHER im Helmhaus Zürich gezeigt hatte, diese Graphitpigmente auf Transparenzpapier und das Al-Fresco-Werk in der Shedhalle in der Ausstellung FAMILIEN-MODELLE.

Ich war dann dementsprechend erstaunt über die Farbexplosion, die mich auf den unzähligen Werken in ihrem Atelier erwartete. Einen einzigen Stil AGNES WYLER gibt es also nicht. Sie arbeitet in Serien, in denen sie sich immer wieder neuen Techniken und unterschiedlichen Themen widmet.

Geboren wurde die Zürcher Künstlerin 1961 in Safi, Marokko. Bereits als Kind konnte sie sich nichts Schöneres vorstellen, als mit ihren Bleistiften und Farbstiften zu hantieren und dabei wünschte sie sich nichts mehr, als selbst ins Blatt hineinzutreten, um mit ihren Zeichnungen zu leben. Und manchmal möchte sie auch heute noch „zeichnen wie ein Kind“. Deshalb gehören Zeichnungen mit Farbstiften immer wieder zu ihrem Oeuvre genauso wie ihre Oelbilder.

Als junge Frau studierte sie zuerst Philosophie an der Universität Lausanne, doch da sie arbeiten musste, konnte sie dieses Studium nicht beenden. Später dann bewarb sich an der F+F Schule für Kunst und Design in Zürich und an der School of the Museum of Fine Arts in Boston. An beiden wurde sie akzeptiert. Sie wählte aber Boston. Anscheinend war die Kunstausbildung in den USA damals fortschrittlicher, innovativer als bei uns. Dort erhielt sie bereits während des Studiums die Gelegenheit in der Bostoner Galerie Grossmann auszustellen. Zurück in Zürich arbeitete sie selber jahrelang als Dozentin an der F+F.

Danach erhielt sie die Gelegenheit ein Jahr im Israel Museum in Jerusalem zu unterrichten. Eines ihrer Erlebnisse, das sie damals sehr geprägt hat, geschah während dieser Zeit. Sie lehrte dort in Klassen mit handicapierten Menschen, die verschiedenen Religionen angehörten. Da waren zum Beispiel körperlich Verletzte, denen ein Glied fehlte oder Veteranen, die psychische Traumas hatten und bei jedem lauten Geräusch Angstzustände bekamen. Kinder, die ihre Eltern verloren hatten oder von körperlichen und geistigen Einschränkungen betroffen waren. Und alle diese Menschen wollten mit ihr ein grosses gemeinsames Kunst-Projekt realisieren, wie dies mit professionellen KunststudentInnen üblich ist. Sie nannten es: „we believe we can fly“. Die einen waren halb blind, die anderen konnten kaum einen Pinsel halten.

AGNES WYLER stand vor beinahe unüberwindlichen Hindernissen. Das geplante Gemälde von 6 Metern Länge und 2,5 Metern Breite erstand draussen unter unglaublichen Mühen und hielt die 20 SchülerInnen und ihre Lehrerin während einer Woche Tag und Nacht in Atem. Die Angehörigen kamen dazu, brachten Essen und munterten auf. Erzählten, dass die Beteiligten kaum mehr Medikamente brauchten. Die Presse von überall in Israel kam herbei, um den Verlauf zu dokumentieren, und am Schluss war das hoffnungsvolle Projekt tatsächlich geschafft. Dieses Wunder, bei dem alle über sich selbst hinaus wuchsen! Wie AGNES WYLER meint: „Ein Wunder aus Wunden entstanden!“

Hier wurde das vollendete Werk im Jerusalem Theater ausgestellt.

AGNES WYLER ist eine introvertierte, fast schüchterne Frau, deren immense Energie in ihren vielfältigen Werken steckt. Auf ihrer Homepage könnt ihr euch die diversen Serien ihres Schaffens ansehen. Für jede Phase ihres kreativen Ausdrucks verwendet sie auch andere Werkzeuge und Stilmittel. Aber eines bleibt gleich: ihre Obsession sich künstlerisch über das Bild auszudrücken. Und obwohl sie durchaus über ihre Arbeiten spricht, meint sie «L’image reste un mystère pour moi».

Ihre Inspirationen holt sie einerseits aus dem Alltag. So verwendet sie für ihre Collagen Embleme der Massenkultur und arrangiert und klebt sie zu Geschichten.

Andererseits spielen die Musik und die Literatur eine grosse Rolle in ihrem Leben. Einer westschweizer Kritikerin hat sie einmal gesagt: „J’aimerais, que ma peinture soit une musique visuelle“.

Ob figürlich oder gegenständlich, vordergründig oder hintergründig, gegenwärtig oder vergangen, alles lotet sie in ihren Werken aus. Sie hinterfragt konstant die Wirklichkeit. Die Uebergänge zwischen Träumen und der Realität faszinieren sie. Deshalb wünschte sie sich obigen Titel.

Ist AGNES WYLER eine Künstlerin, die in der Wirklichkeit träumt oder sich träumend ihre eigene Realität erschafft?

Als ich in ihrem Atelier war und ihre Arbeiten betrachtete, löste dies verschiedene Zustände aus von lustvoller Verwirrung bis hin zu kontemplativer Ruhe und ihre Bilder erzeugten einen langen, intensiven Nachhall.

http://www.agneswyler.com

Bis 13.9. stellt sie noch in der Kunsthalle Zürich aus: http://kunsthallezurich.ch/de/sommer-des-z%C3%B6gerns

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