Künstlerinnen – die Nadeln im Heuhaufen der Neuen Nationalgalerie

Verschrien war die Neue Nationalgalerie schon lange als patriarchales Traditionshaus der klassischen Moderne. Nun, nach sechsjähriger Sanierung soll anscheinend alles anders sein und werden. Darum begab ich mich mit einiger Neugierde in den Bau von Mies van der Rohe. Im eleganten transparenten Glaskörper wird momentan gerade das Werk von Alexander Calder zelebriert.

Deshalb habe ich in der Sammlung im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie, die sich «Die Kunst der Gesellschaft» nennt, die angekündigte Diversität dieser Gesellschaft nun aktiv gesucht. Es werden hochkarätige Gemälde und Skulpturen aus den Jahren von 1900-1945 ausgestellt. Dies war eine bewegte Zeit mit Kolonialismus, Reformbewegungen und den beiden Weltkriegen. Zu diesen unterschiedlichen Strömungen der Avantgarde gehören auch die Künstlerinnen. Hält der Neubeginn diesbezüglich, was er verspricht?

Die Künstlerin SIBYLLE ZEH hat im Jahr 2000 «Reclams-Künstlerlexikon» genommen und alle Einträge über männliche Künstler mit weisser Deckfarbe übermalt. Den 4500 männlichen Erwähnungen standen 79 Einträge von Frauen gegenüber. Das ergab fast nur weisse Blätter bis wieder mal ein paar Informationen über Künstlerinnen auftauchten. Sie nannte das so entstandene Werk «Reclams Künstlerinnenlexikon».

Sie nahm ich mir zum Vorbild und ging quasi blind an den durchaus exquisiten Werken der Künstler vorbei und betrachtete ausschliesslich die Kunst von Künstlerinnen genauer. Im Foyer erfreute mich LOTTE LASERSTEINS (1898-1993) «Abend über Potsdam», das diese 1930 mitten in der Wirtschaftskrise gemalt hatte. Es wurde erst 2010 mithilfe von mehreren Stiftungen erstanden. 80 Jahre vorher hätte es günstig erworben werden können. Denn wo hatte die Laserstein ihre Muse und Freundin Traute Rose kennengelernt? In einer Suppenküche, die sie als Studentin hungrig aufsuchte. Die Laserstein war ja eine der ersten Studentinnen, die an die Berliner Kunstakademie kamen. Sie litt sehr unter den höhnischen Kommentaren ihrer Kommilitonen. Dort lernte sie aber auch die Königsdisziplin den Akt. Zwar ist mein Lieblingsbild von ihr «Ich und mein Modell» ein Porträt der beiden Freundinnen, aber wo sind ihre Akte? All diese wunderbaren Aktgemälde und Aktzeichnungen, von denen ich nur mal «In meinem Atelier» erwähne. Nichts davon ist vorhanden .

Sobald wir in der Ausstellung drinnen sind, sehen wir ISA GENZKEN mit ihren «New Buildings für Berlin». Das sind Glas-Konstruktionen, die mit Klebeband oder Silikon zusammengehalten werden. Alles sehr fragil. Eine Anspielung auf Glashochhäuser in Grossstädten?

Ganz neu entdeckt habe ich ALICE LEX-NERLINGER (1893-1975) mit ihrem «Feldgrau schafft Dividende». Sie gehörte zur Avantgarde der Weimarer Republik und war proletarisch-revolutionärer Gesinnung. Sie wollte mit ihrer politischen Kunst den Klassenkampf unterstützen. In diesem Werk verbindet sie scharfe Kriegskritik mit der Anprangerung des Kapitalismus. Die Waffenindustrie schlägt Profit aus dem Tod unzähliger Soldaten.

In dem Zusammenhang erwähne ich auch KÄHTE KOLLWITZ, die bloss mit einer Büste in der Ausstellung zu sehen ist. Die Sammlung möchte uns ja den Zusammenhang von Kunst und Sozialgeschichte vor Augen führen und dann wird Käthe Kollwitz mit einer mickrigen Büste abgespeist! Aber mehr über ihr Werk erfährt ihr in meinem Blogbeitrag über sie.

Mit ihren Selbstporträts aus Ton ist RENEE SINTENIS (1888-1965) vertreten. Sie hat sich als junge Frau und dann während des Alterungsprozesses Masken aus Ton angefertigt.

Im Innenhof mit seinen unzähligen Plastiken steht dann bloss eine einzige Skulptur von einer Künstlerin: die Venus Negra der Bolivianerin MARINA NUNEZ DEL PRADO (1910-1995). Sie war zu ihrer Zeit eine der angesehensten Bildhauerinnen Lateinamerikas und hat als Basis für ihre Werke oft den weiblichen Körper verwendet. Insofern macht das Sinn, von ihr die Venus Negra auszustellen und nicht eine der Tierskulpturen, die sie auch erschaffen hat.

Im Bereich der Abstrakten hängt immerhin eine Serie von HILMA AF KLINT (1862-1944).

Und wenn die Erbengemeinschaft von HANNAH HÖCH (1889-1978) nicht das Bild «Die Treppe» der Nationalgalerie geschenkt hätte, könnten wir nicht mal ein Exemplar dieser bedeutenden und gesellschaftskritischen Künstlerin hier ansehen, die für ihre Collagen bekannt war. Angefangen hatte sie aber als Dadaistin. By the way, im Kunsthaus Zürich könnt ihr in der Sammlung ihre berühmte «Dada-Mühle» betrachten. Da sie später durch die Nazis mit einem Ausstellungsverbot wegen entarteter Kunst belegt war, bestritt sie ihren Lebensunterhalt als Grafikerin mit Entwürfen zu Schutzumschlägen von Romanen. In ihren letzten Jahren kam sie doch noch zu Ehren und wurde an die Akademie für Künste in West-Berlin berufen. Zudem existiert der HANNAH-HÖCH-PREIS für ein hervorragendes künstlerisches Lebenswerk.

Am Schluss der Ausstellung bewundere ich PAULA MODERSOHN-BECKERS (1876-1907) «Kniende Mutter mit Kind an der Brust». Welch tragisches Schicksal diese junge Künstlerin doch ereilte. Zu Lebzeiten wurde sie als Künstlerin wegen ihrer häufig holzschnittartig wirkenden Formgebung verspottet. Sie pendelte zwischen der Künstlerkolonie Worpswede und Studienaufenthalten in Paris, wo sie an der Académie Colarossi eingeschrieben war, die auch Frauen zum Studium zuliess. (Aber zu den doppelten Gebühren wie ihre männlichen Kollegen). Dort lernte sie das Aktzeichnen und uns sind seither ihre ockerigen Aktgemälde bekannt. Öfters mit diesem Sujet einer Schwangeren oder Mutter mit Kind. Sie selbst überlebte zwar die Geburt ihrer langersehnten Tochter Mathilde, starb aber einige Tage später an einer Embolie.

Neben der Sammlung existiert ein separater Raum für wechselnde Exhibitionen. Dieser wird aktuell bespielt von der zeitgenössischen Künstlerin ROSA BARBA. Der Titel: In a Perpetual Now. Sie ist keine Filmerin, obwohl sie Kameras benützt, sie erzählt auch keine klassischen Geschichten. Sie schafft quasi Architektur mit ihren Kameras, auf dem Boden liegenden Filmstreifen, Projektoren und dazu tauchen wir ein in eine undefinierbare Geräuschkulisse. Anscheinend will sie unsere festen Vorstellungen von Zeit, Raum und Dingen auflösen.

Damit erschöpft sich die versprochene Diversität in der Neuen Nationalgalerie. Nicht, dass es in anderen bedeutenden Museen viel besser wäre. Wir alle kennen unzählige Beispiele, zu denen auch das Kunsthaus Zürich gehört, wo immer noch fast ausschliesslich der männliche Kanon gepflegt wird und es kann selbstverständlich sein, dass ich bei meinem Rundgang eine Künstlerin übersehen habe. Ich habe mir aber die Mühe gemacht, ihre Werke zu bestaunen und ihnen mit diesem kleinen Text versucht, die Referenz zu erweisen.

Darum mein Rat an euch: Gehet hin, geniesst und meckert.

http://www.neuenationalgalerie.de

https://creative-brain.org/2021/02/26/kathe-kollwitz-die-elendskunstlerin/

https://creative-brain.org/2020/01/17/kampf-um-sichtbarkeit-kuenstlerinnen-im-18-und-19-jahrhundert/

https://creative-brain.org/2020/09/22/schweizer-kunstlerinnen-im-19-jahrhundert-am-beispiel-von-louise-catherine-breslau-und-sophie-schaeppi/

https://creative-brain.org/2020/12/26/ottilie-w-roederstein-die-vielseitige-schafferin/

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