Lust, Leid und Läuterung, Körper im Mittelalter

Ebenso hätte mein Titel über die kulturhistorische Ausstellung im Landesmuseum lauten können: Sünde, Sex und Syphilis. Im christlichen Mittelalter war die katholische Kirche weltbildprägend und hatte damit einen grossen Einfluss auf die Sicht auf den Körper. Eine der dichotomen Unterscheidungen galt der Unterdrückung der Lust der normalen Bevölkerung und der Glorifizierung des geschundenen Körpers von MärtyrerInnen.

Die erotische Begierde musste unbedingt im Zaume gehalten und in der vor Gott geschlossenen Ehe kanalisiert werden. Das unterstützten mittelalterliche Abbildungen mit moralisierenden Hintergründen. Aber so einfach liess sich das menschliche Naturell und die Sehnsucht nach Vergnügen nicht auslöschen. Ginge es nach der Kirche, so war das ewige Leben der Seele nach dem Tode viel wichtiger als das kurze irdische Verweilen. Sie gab das Versprechen ab, dass im Paradies nicht nur alle Ungerechtigkeiten ausgeglichen würden, sondern selbst die Sorgen und Leiden des Körpers aufgehoben wären.

Und die letzteren waren mannigfaltig, der Körper in ständiger Gefahr. Stellen wir uns das rudimentäre medizinische Wissen der damaligen Zeit für die mittelalterliche Unterschicht vor.  Schwangerschaft und Geburt verlaufen durch Komplikationen oft tödlich für Mutter und/oder Kind. Täglich können verdorbene Speisen oder Getränke zu Vergiftungen führen, Hungersnöte drohen immer wieder. Entzündungen können rasch lebensbedrohlich werden, Arbeitsunfälle in Invalidität enden. Da half möglicherweise tatsächlich nur noch Beten für ein Wunder. Den einfachen Schichten halfen Laien- und Wundärzte, den Eliten die ausgebildeten Aerzte. Wer mehr zur Medizin im MA erfahren möchte, kann dafür auf einen ausführlichen Artikel in Wikipedia zurückgreifen. Ich möchte noch erwähnen, dass die muslimische Medizin bis ins 12. Jahrhundert fortschrittlicher war als unsere, da sie auf die Werke antiker griechischer und römischer Aerzte wie Hippokrates und Galen aufbaute. Dort gab es bereits früher Spitäler und die Herstellung von Medikamenten aus natürlichen Substanzen war verbreiteter. Sogar in der Chirurgie, einschliesslich der Entwicklung von neuen Techniken, waren die muslimischen Aerzte weiter. Bei uns war wie so oft die Kirche Hemmschuh für Innovation. Erst nach dem 12.Jahrhundert reformierte sich unsere Medizin und konzentrierte sich mehr auf Wissenschaft und Beobachtung. Am verbreitesten waren bei uns Baden, Schröpfen und Aderlass. Hier in der Ausstellung sehen wir zum Beispiel Aderlass- oder Venenmännchen. Wobei mich erstaunt, dass in einer männlich dominierten Medizin bei bestimmten Leiden selbst der Penis ausbluten muss. Etwa als Gegenmittel zur Impotenz?

Im 16.Jahrhundert dann existierten Spitäler wie jenes in Zürich neben der Predigerkirche, mit Gebärstuben und einem Heim für Waisenkinder. Das Spital war jedoch überfüllt und es herrschten Chaos und Unordnung. Immerhin wurden mittellose Kranke kostenlos umsorgt. Auf demselben Areal befand sich der «Mushafen» zur Armenspeisung.

Wir lernen weiterhin, dass es gravierende Unterschiede im Verhältnis zum Körper zwischen der Unterschicht und Oberschicht gab. Ja, von den grossen Seuchen wie Pest und Syphilis wurde kein Stand verschont, aber im Alltag hatten die reichen und gebildeteren Schichten mehr Möglichkeiten, den Körper nach Galens Viersäftelehre ins Gleichgewicht zu bringen. Krank wurde, wer nicht nach den «sex res non naturales», nämlich Speise und Trank, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen, frische Luft und Licht, Anregung des Gemüts und einem geregelten Stoffwechsel lebte. Zur Bewegung gehörten schon allerlei Sportarten, zumindest an Festtagen wie Laufen, Springen, Schlagspiele, Ringen, Fechten, Steinstossen, Lanzenstechen und Tanz. Und zu all diesen Themen gab es bereits viele Handschriften und Lehr-Bücher. Hier wird der ideale Körper zelebriert und Schönheit hat immer etwas mit der «adeligen» Figur zu tun. In einem reinen Aeusseren spiegelt sich die innere Erhabenheit. Das Ideal für Mässigung und Enthaltsamkeit sind blasse, schlanke, wohlproportionierte Körper. Kosmetik und Körperpflege sind im Trend, es wird gepudert, frisiert und parfümiert. Ist euch schon mal aufgefallen, dass die Christi-Darstellungen immer einen unbehaarten Jesus zeigen? Behaarte Haut stand für Wildheit und Unzivilisiertheit. Behaarte Heilige sieht man höchstens auf Bildern mit Eremiten.

Für die Unterschicht muss ein Läusekamm und ein Besuch im Badehaus genügen. Die meisten öffentlichen Bäder sind gemischt, wie auf meinem Titelbild ersichtlich. Die Menschen sind nackt mit Ausnahme der Kopfbedeckung. Einige der Einrichtungen sind Badestube und Bordell zugleich und leisten Geschlechtskrankheiten Vorschub. Viele gemeinsame öffentliche Bäder wurden deshalb auf Geheiss von Kirche und Obrigkeit geschlossen.

Die zahlreichen Abbildungen von Körpern in der Ausstellung zeigen uns die damalige Inszenierung derselben. Für die Wanderprediger der Franziskaner- und Dominikanerorden waren diese Darstellungen Mittel zum Zweck, um auf die Emotionen der Zuschauer*innen und Zuhörer*innen zu zielen. Gepredigt wurde gegen Hoffart, „jüdischen Wucher“ und Sex mit Andersgläubigen, als gefährlichste von allen Vereinigungen. Diese Bettelorden hatten grossen Anteil an der Vertreibung von europäischen Jüd*innen und Muslim*innen.

Die Bestrafungen waren ein enorm wichtiges Thema: es wurde verspottet, an den Pranger gestellt, gefoltert, Glieder abgehackt, gesteinigt, ertränkt, verbrannt und hingerichtet. Diese grausamen Torturen sollten die Transformation der Körper von der Demütigung bis zur göttlichen Erlösung versinnbildlichen. Ertränken galt als milde Todesstrafe und wurde deshalb besonders häufig bei Frauen angewandt. Da die Nase als besonders edel galt, wurden Prostituierten und Kupplerinnen oft die Nasen abgeschnitten.

Aber selbst kleinste Regelverstösse mittels der Kleidung wurden scharf geandet. Jede/r hatte in seinem eigenen Stand zu verbleiben. Aufstieg war nicht vorgesehen. Nacktheit galt als Mangel und Zeichen von Armut. Das arbeitende Volk besass meistens nur ein Kleidungsstück, dass mehrfach geflickt war und lief barfuss. Bei den Frauen der Oberschicht hingegen wurden vom Klerus überlange Schleppen kritisiert, da so viel Geld für überflüssigen Stoff ausgegeben wurde. Kopfbedeckungen zeigten soziale oder religiöse Zugehörigkeiten. Das gelbe Band am Körper einer Frau, dass sie Prostituierte war.

Aber Nacktheit stand natürlich auch für Verführung. Und der allegorische Kampf zwischen Wolllust und Keuschheit scheint in vielen Darstellungen auf. Selbstverständlich siegen stets die christlichen Tugenden.

Es liesse sich noch unendlich viel berichten über die Körper im Mittelalter, aber dafür ist ja nicht mein Blogbeitrag, sondern die Ausstellung vorgesehen, deren weites Spektrum durch folgende Themen führt: nackter Körper, begehrter Körper, idealer Körper, kranker Körper, anderer Körper, leidender Körper und toter Körper. Dazu umfasst die Exposition Gemälde, Skulpturen, erotische Druckgrafiken, Bildteppiche, Bücher, Reliquien etc. An einer der Medienstationen habe ich den Test gemacht, welchen Charakter ich in der vier Temperamentenlehre hätte, oder ich habe mir ergötzliche erotische Geschichten aus dem MA angehört. Meine Erkenntnis nach dem Besuch ist diejenige, dass sich die sozialen Umstände und die Wissenschaft seit dem Mittelalter durchaus verändert haben, unsere Körper jedoch in Lust und Leid grosso modo dieselben geblieben sind. Heutzutage aber meistens ohne den Glauben an die Erlösung im Jenseits.

Der Behauptung vom dunklen, unbekannten Mittelalter widerspricht diese informative Präsentation dezidiert. Ich fand die Ausstellung «begehrt. umsorgt. gemartert.» sehr erhellend.

http://www.landesmuseum.ch

https://creative-brain.org/2020/06/13/nonnen-die-gebildeten-frauen-des-mittelalters/

https://creative-brain.org/2019/02/04/zwingli-ursprung-der-zuercher-reformation/

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