Zwingli: Ursprung der Zürcher Reformation

Als Geburtsjahr der Zürcher Reformation gilt 1519, als der Leutpriester Ulrich Zwingli sein Amt am Grossmünster übernahm. Er war 1484 in Wildhaus in einen Bauernhaushalt  geboren worden. Er hatte das Glück, einen Onkel zu haben, der Dekan in Weesen war. Dieser nahm ihn bereits  als Sechsjährigen auf und ermöglichte ihm den Schulbesuch. Mit zehn Jahren wechselte Zwingli an die Lateinschule Basel, später an die Lateinschule Bern. Danach begab er sich  an die Universität Wien, um sich an der Artistenfakultät einzuschreiben. Dort erhielt er seine Grundausbildung in den „Sieben Freien Künsten“.img_4062 Zwingli war als sehr musikalisch bekannt. Erst später an der Universität Basel begann er sein Theologiestudium. Danach wurde er Pfarrer in Glarus. In dieser Zeit bildete er sich dauernd weiter. Er lernte Altgriechisch, um die Urfassung des Neuen Testamentes zu lesen, die Erasmus von Rotterdam 1516  in einer kritischen Edition veröffentlicht hatte. Auch stand Zwingli in regem Briefkontakt mit den Gelehrten seiner Zeit.

Erst dieser umfangreiche Bildungshintergrund erklärt die Besonderheit seiner Person. Zwingli hatte als Feldprediger die Glarner Truppen in Norditalien in den Krieg begleitet. Danach kämpfte er vehement gegen das Söldnerwesen: Es brachte zwar Geld ins Land, aber zudem eine allgemeine Verrohung. Da die Zürcher Regierung auch gegen das Söldnerwesen eingestellt war, erhielt er den einflussreichen Posten als Leutpriester am Grossmünster. 1519 brach eine Pestepidemie aus und Zwingli erkrankte daran, aber überlebte. img_4040

Grosses  Aufsehen erregte er, als er seine einfachen und klaren  Predigten in deutscher Sprache und nicht mehr in Latein hielt.  Zum Beispiel predigte er gegen die Bilderverehrung. Daraus resultierte dann der Bildersturm. img_1321

Seine erste reformatorische Schrift 1522 war gegen das Fasten gerichtet. Zudem schrieb er Briefe an den Bischof von Konstanz, in denen er um die Aufhebung des  Zölibats bat. Was dieser selbstverständlich ablehnte. Zwingli aber lebte bereits mit der Witwe Anna Reinhart zusammen und liess sich mit ihr trauen. Sie bekamen vier gemeinsame Kinder.

Während all dieser Zeit arbeitete er mit Leo Jud an der Übersetzung der Bibel aus dem Altgriechischen und Hebräischen in die eidgenössische Kanzleisprache. Das Werk wurde 1531 gedruckt als erste vollständige Ausgabe in deutscher Sprache mit Altem und Neuem Testament.

Für Zwingli und die Reformatoren  waren das Geld, die Finanzen vor allem soziales Kapital. Es sollte für die Armen ausgegeben werden. Da er aber gegen das Söldnerwesen war, entging der Stadt viel Einkommen durch die  nun nicht mehr fliessenden Soldgelder  und die Pensionen. Wie ersetzen? Die vielen Klöster, nur schon auf dem kleinen Stadtgebiet sieben, hatten sich seiner Meinung nach nicht genügend um die Bedürftigen gekümmert und  grosse Schätze angehäuft. Durch den Zehnten, Grundzinsen, Ablasshandel oder etwa indem sie Grabstätten auf ihren weitläufigen Kirchhöfen teuer anboten zusätzlich zu den Gebühren von Begräbnissen und Totenmessen. Auch die Kirche hatte ihren Reichtum ostentativ zur Schau gestellt. Zudem wurde bemängelt, dass in Klöstern und Kirche eine gewisse Sittenlosigkeit herrschte.

 

Dies alles wurde nun zum Anlass genommen, innerhalb von zwei Jahren sämtliche Klöster und geistlichen Stifte  der Stadt und des Untertanengebietes zu verstaatlichen. (Wohlgemerkt: Dies war eigentlich eine ungesetzliche, illegale Handlung, nur gestützt auf das „Bibelwort“.) Der Bildersturm in den Kirchen hatte auch bereits eingesetzt. Durch diese Säkularisation erhielt die Stadt grossen Reichtum. Denkt an die wertvollen Gebäude, die vielen Hektaren Land, die Einträge aus Tausenden von  Bauerngütern und Handwerksbetrieben wie Mühlen, Sägen, Schmieden. Auch all die Kirchenschätze wie Kruzifixe, Monstranzen und Kelche aus Gold und Silber gehörten nun der Stadt. Diese wurden vom Münzmeister eingeschmolzen und zu Gulden und Talern verarbeitet. Dieses neue Einkommen übertraf die entgangenen Soldgelder bei weitem.img_3944

Zwar hatte die mächtige Äbtissin des Fraumünsters  Katharina von Zimmern freiwillig ihr Kloster aufgelöst und die Schlüssel dazu der Stadt geschenkt „uff sölichs frys, guotz willens onbetzwungen“, aber nicht alle Klöster taten dies so problemlos.img_4069

Was geschah nun mit den vielen Nonnen und Mönchen? Sie durften heiraten und erhielten eine Pension oder wurden in eine von den Behörden eingerichtete Auffangstelle geschickt, wo sie bis zu ihrem Lebensende Kost und Logis erhielten.

Was tat die Stadt mit ihrem neuerworbenen Reichtum? Sie errichtete tatsächlich aus dem Predigerkloster ein „Spittel“: ein Spital mit Armenhaus, Waisenhaus und Armenküche. Für die damalige Zeit ein revolutionäres Sozialexperiment. Die Randständigen konnten im „Mushafen“ eine Gratismahlzeit  (Getreidemus mit Gemüse) erhalten. Die Klosterküche kochte dafür täglich 4000 Portionen.img_4068

Da Zwingli gegen Geld und Besitz war, würdigte er die Arbeit als obersten Wert. Sie war auch Pflicht, wenn keine materielle Not vorhanden war. Die bezahlte Arbeit erhielt hohe Präferenz. Auch die Messbarkeit der Zeit und damit Kirchenglocken wurden wichtig um den Tag zu strukturieren.img_3789

In der einfachen Bevölkerung kollidierten die beiden Ansichten, die Pflicht zur  Arbeit und das Bestehen des Spittels. Das Spittel ziehe liederliches Gesindel aus den umliegenden Gemeinden an. „Schädlichen schlufinen und faulbeltzen“ würden die Tage versäumen, statt ehrlicher Arbeit nachzugehen. Das Almosenamt war gezwungen, den „richtigen“ Almosenberechtigten ein Blechschildchen abzugeben, damit sie sich als würdige Bedürftige ausweisen konnten.

Eine weitere Neuerung führte die Reformation in Zürich für die Frauen ein: das Ehegericht. Eine Frau konnte dort zum Beispiel eine Scheidung verlangen und durchsetzen.

 

Zwingli und seine Mitstreiter hatten trotz einiger Schattenseiten also viel erreicht. Zwingli starb 1531 während des  Kappelerkrieges.  Er wurde von den Innerschweizern bestialisch getötet, seine Leichnam zerstückelt und verbrannt. Warum diese Grausamkeit?  Die Altgläubigen befürchteten, dass sonst die Gebeine für eine Märtyrerverehrung hergehalten hätten.

Heinrich Bulliger, ein Mitstreiter, wurde sein Nachfoger und konsolidierte den reformierten Glauben.img_4015

Abschliessend ist erwähnenswert, dass die Reformation nicht etwa die individuellen Freiheitsrechte der Menschen verlangte.  Im Mittelalter waren die Leute politisch vom Fürsten und religiös von der Kirche abhängig. Die Reformation wollte die theologische Freiheit, den direkten Zugang zum Bibelwort. In seinem Verhältnis zu Gott sollte der Mensch frei sein. Und dieser Gedanke war vor 500 Jahren tatsächlich revolutionär.

 

 

Quellen:

Die Ausstellung im Stadthaus: „Schatten der Reformation  Befreiung und Verfolgung“ http://www.zh-reformation.ch

Die Zitate stammen aus dieser Broschüre: „Zwingli und das Geld“,  Sunflower Foundation http://www.sunflower.ch

Fotos: aus obiger Ausstellung und der Zentralbibliothek, plus eigene

http://www.zb.uzh.ch      http://www.e-rara.ch     http://www.e-manuscripta.ch

Diverse Zeitungen: NZZ, Tages-Anzeiger etc.

 

 

 

 

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