Brad Downey: Slow Motion Disasters

 

Ein Künstler, der die Bandbreite der Avantgarde  exemplarisch verkörpert, ist für mich der Amerikaner Brad Downey. Er wurde 1980 in Kentucky geboren und studierte zuerst in New York am „Pratt Institute“ Filmwissenschaften. Seine Abschlussarbeit Public Discourse wurde weltweit gezeigt. Danach zog es ihn nach London an die  „Slade School of Art“, wo er seinen Master in Malerei und Skulptur machte.

 

Seither ist er international bekannt durch seine subversiven Eingriffe und minimalistischen Interventionen im öffentlichen Raum und gilt auch als Street-Art und Aktions-Künstler.IMG_5468 (2)

Er lebt und arbeitet seit ein paar Jahren in Berlin, wo er gerade eine Einzelausstellung im Kunstraum Bethanien hat. Hier geht es nicht mehr nur um den öffentlichen Raum.  Er präsentiert uns eine schier unglaubliche Vielfalt von Medien wie Film, Fotografie, Zeichnung, Skulptur bis zu raumgreifenden Installationen. Ich kann euch bloss einen kleinen Ausschnitt davon zeigen. Und auf die Filme muss ich leider ganz verzichten. Diese werden jedoch in einem separaten Raum in der Ausstellung vorgestellt. Dafür sind die Ausstellungen schliesslich da, dass ihr sie selbst besucht und ein umfassenderes Bild der Kreativität der Künstler*innen gewinnt.

Brad Downey ineressiert sich für das Verhältnis von Individuum und staatlicher Autorität, gesellschaftliche Gegebenheiten und politische Machtstrukturen. Das sehen wir an den Fotos mit den Uniformierten in der Kampfmontur der französischen CRS.  „Pretending to Be in Control“ ist der eindeutige Titel. Und er zeigt sie in für uns unbekannten Konstellationen.

 

In meinem kurzen Video seht ihr einen Polizeischlagstock, die ikonische Präsentation der Polizeigewalt. Die kinetische Gummiskulptur soll die Waffe der Lächerlichkeit preisgeben, indem sie schlaff wird.

 

 

Was gehört auch zur Staatsmacht? Natürlich die Zensur. Dazu hat er Vintage-Kinoplakate genommen, die von der türkischen Regierung  wenig subtil geschwärzt wurden. Andere stammen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. „My Mind Always Drifts“

 

„Fence Hack“ zeigt  links einen manipulierten Zaun an der Grenze zu Mexiko und im  rechten Bild einen in Kirgistan. Diese Reihe von ihm soll auf isolationistische Tendenzen (auch in Europa) verweisen.

 

„Please“ meint einen schwarzen, mit Tarnfarbenstoff bezogenen  Wasserbehälter, den die Menschenschmuggler den Migrant*innen verkaufen und der nahe der Grenze zur USA weggeworfen wurde. Wir wissen nicht, ob der Mensch, der die Flasche leergetrunken hat, an Dehydration oder Hitzerschöpfung gestorben ist oder es geschafft hat, sein Ziel die USA zu erreichen.IMG_5477

 

Downeys Grossvater war auf einem der ersten amerikanischen  Armeeschiffe, die nach dem Bombenabwurf in Hiroshima eintrafen. In seiner Arbeit „Quantum Firefox Safari“  setzt er sich mit seinen Aengsten vor nuklearen Bedrohungen auseinander.

 

„Mit allen Wassern gewaschen“ ist ein angenehm duftender Raum mit unzähligen Handtüchern, auf die in nassem Zustand Seifenstücke gepresst wurden. Als ich ihn betrat, hatte ich die Empfindung: „Oh, wie angenehm.“ Bis ich das  Anatomiebuch von Professor Rudolf Spanner sah, das vor dem Fenster aufgeschlagen liegt. Dieser hatte im Dritten Reich auf eigene Initiative ein Verfahren zur Seifenherstellung aus menschlichen Körpern entwickelt.  Innerhalb von Sekunden packte mich  das Grauen.

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„Friseur Salon Baghdad“, dazu hat er ein Rehfell zum Coiffeur geschickt und  „Mui Mui“ ist ein niederländischer Stein, den er in einem koranischen Nagelstudio mit Nail-Art verschönern liess.

 

In der Serie „My Mind Always Drifts“ hat er mit  den zensurierten Kinoplakaten auch Kleider bedruckt.

 

Who Came First“ ist ein Ei, das aus dem gefrorenen Ejakulat des Künstlers besteht. Menschliches Erbgut konserviert für Zukunftsgenerationen als kalte Laborästhetik.

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Auch in seinen unzähligen Installationen könnt ihr viele intelligente Verweise lesen.

 

Am Schluss zeige ich euch nun noch eine Leinwand, die einzige in der ganzen Ausstellung. Sie steht sogar auf einer Staffelei. Aber da er sie hinten und vorne bearbeitet hat, eignet sie sich nicht zum Aufhängen an der Wand über eurem Sofa.

 

Von Brad Downey existiert also kein einziges „normales“ Gemälde.  Seine Kreationen sind auch nie L‘ Art pour L‘ Art, sondern eminent politisch.

Brad Downey stellt sich und uns Fragen, Fragen die lauten: Wie begegnen wir widersprüchlichen Phänomenen, die wir täglich wahrnehmen? Welche Möglichkeiten haben wir im Umgang mit den Desastern aus der Vergangenheit und denjenigen unserer Gegenwart?

Meine Sicht auf die zeitgenössische Kunst, die politisch sein kann oder auch nicht, ist sicherlich subjektiv und jede und jeder darf andere Meinungen vertreten. Trotzdem: Brad Downey finde ich einen ihrer spannendsten Protagonisten!

(In meinem älteren Blogbeitrag über Karin Sander könnt ihr eine weitere Vertreterin der Avantgarde kennenlernen.)

 

Die Ausstellung fand im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien statt.

http://www.kunstraumkreuzberg.de

 

 

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