Rachel Ruysch und die exquisite Eleganz von Blumenbouquets

Dass die niederländische Malerin Rachel Ruysch (1664-1750) existierte, wusste ich aus diversen meiner Bücher über Künstlerinnen, in denen jeweils eines ihrer Stillleben abgebildet war. Noch nie hatte ich aber ein Original gesehen oder eine Ausstellung über ihr Werk. Dies habe ich nun in München nachgeholt.

Wie ihr aus einigen meiner früheren Blogbeiträge wisst, wurden bis ins 20. Jahrhundert angehenden Malerinnen in den meisten Ländern der Besuch der offiziellen Akademien für Kunst verwehrt. Und zwar mit fadenscheinigsten Argumenten. Dabei sollten sie vor allem nicht Aktzeichnen lernen. Einerseits aus «moralischen» Gründen, andererseits wegen der Konkurrenz. Denn wären die Frauen ebenfalls in Anatomie, Perspektive und Proportionen unterrichtet worden, hätten sie auch die Voraussetzungen gehabt für die wichtigen Historiengemälde mit mythologischen und antiken Themen. Somit konnte den Künstlerinnen weiterhin vorgeworfen werden, sich nur mit Stillleben auszukennen und keine ernsthafte Kunst zu erschaffen. Die Frauen waren gezwungen zur Ausbildung auf Privat-Schulen und -Lehrer ausweichen, oder sie wurden in den Ateliers ihrer Familien gefördert.

Ihr müsst euch vorstellen, dass im 17. Und 18. Jahrhundert die Kunst und die Naturforschung ganz eng verbunden waren. Naturwissenschaftlich Gelehrte sammelten, zeichneten und veröffentlichten ihre Insekten oder Pflanzen. Sie studierten und dokumentierten ihre Beobachtungen von Menschen, Tieren und Pflanzen möglichst detailgenau. Rachel Ruysch wurde in eine Familie von Naturwissenschaftlern, Architekten und Malern geboren. Ihr Vater Frederik Ruysch war ein berühmter Professor für Botanik, Anatomie, Geburtshilfe und zugleich Chirurg. Und als Leiter des botanischen Gartens in Amsterdam zeichnete und malte er auch selbst. Er entwickelte eine Balsamierungsmethode, mithilfe der Verstorbene wie Schlafende wirkten. Seine Sammlung von Präparaten und Raritäten war DIE Touristenattraktion von Amsterdam. Der Bestand wurde in mehrbändigen Katalogen publiziert, bis der Zar Peter der Grosse sie kaufte.

Rachel war das erste seiner Kinder mit Ehefrau Maria Post. Sie wurde ins gehobene Bürgertum geboren. Rachel sah ihrem Vater schon als Kind zu, wie er in den Ecken zwischen Pflanzen und Sträuchern Schlangen, Schnecken und Kröten zu Papier brachte. Bei ihm erwarb sie erste Kenntnisse in Botanik und Zeichnen. Da sie Talent und Enthusiasmus zeigte, erlaubten ihr die Eltern eine Ausbildung bei dem renommiertesten Stilllebenmaler von Amsterdam Willem van Aelst. Wahrscheinlich war ihre Schwester Anna auch dabei. Dieser hatte einen bestimmten Stil, den Rachel übernahm. Doch die Kunstkritiker befanden bald darauf, dass sie ihren Lehrmeister übertraf. Aber nicht nur von ihm liess sie sich inspirieren. Auch andere Blumenstilllebenmaler:innen waren ihre Vorbilder. So übernahm sie die ungewöhnliche Maltechnik, tote Schmetterlinge in die noch klebrige Farbe zu drücken und anschliessend abzuziehen. Gemalte und reale Natur in einem Werk. Sie konnte sich besondere Blumenarrangements erlauben, da ihr Vater auch Pflanzen täuschend lebendig konserviert hatte. Deshalb gelangen ihr Arrangements, die im natürlichen Jahresverlauf gar nicht vorkamen. Die Waldbodenstillleben interpretierte sie neu, da sie hier ebenso auf die Sammlung mit Amphibien, Insekten und Reptilien ihres Vaters zurückgreifen konnte.

Schaut euch auf diesen beiden Bildausschnitten mal die Einzelheiten an: in den fast durchsichtigen Trauben meine ich selbst die Kerne zu entdecken.

Sie verfügte bereits über weite Anerkennung für ihre Gemälde, als sie mit fast dreissig Jahren den Porträtmaler Juriaen Pool heiratete. Es musste eine Liebesheirat gewesen sein, denn er kam aus einer verarmten Goldschmiedfamilie und war im Waisenhaus aufgewachsen. Rachel und Juriaen bekamen zehn Kinder, die sie alle selbst grosszog. Aber auch sie war vor Tragischem nicht gefeit, nur sechs davon erreichten das Erwachsenenalter.

Ihre Karriere gab sie dabei nie auf.  Durch Vermittlung ihres Vaters hatte die Familie Beziehungen zum Wittelsbacher Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz in Düsseldorf. Die beiden Männer standen in regem Austausch über zoologisches, botanisches und anatomisches Wissen. Der Kurfürst wurde ihr Mäzen und Rachel Ruysch seine Hofmalerin. Da sie bei ihren Kindern in Amsterdam bleiben wollte, durfte sie das. Sie malte ja nur zwei bis drei Werke pro Jahr. Verpflichtete sich aber, ihm davon jährlich eines zu überlassen. Dafür zahlte der Fürst ihr ein stattliches regelmässiges Gehalt und übergab grosszügige Geschenke. Deshalb hatte die Familie keine finanzielle Sorgen. Zumal auch für ihre anderen Gemälde Wartelisten geführt wurden und sie hohe Verkaufspreise lösen konnte.

Hier seht ihr Juriaen, Rachel und ihren jüngsten Sohn Jan Willem, der das Patenkind des Fürsten war. Daneben im Buch das Porträt von Juriaen und Rachel im Jahre 1750. Ich frage mich, warum in einer Familie von Malern kein Porträt mit allen Kindern existiert. Schade.

Wer durch die Ausstellung läuft, vermeint, alles Werke von Rachel Ruysch zu sehen. Mit Erstaunen finden wir dann heraus, dass auch ihre zwei Jahre jüngere Schwester Anna dieselben präzisen, feinmalerischen Fähigkeiten aufweist. Es werden nur wenige Gemälde von ihr präsentiert, keines hätte ich von derjenigen ihrer Schwester Rahel unterscheiden können. Aber als Anna heiratete, gab sie die Malerei auf und widmete sich der Familie und nach dem Tod des Ehemannes dessen Geschäft für Farbenhandel. Deshalb sind nur ganz wenige Stillleben von ihr bekannt.

Über die materiellen Verhältnisse der Familie Pool/Ruysch wissen wir bis jetzt, dass sie eigentlich keine diesbezüglichen Sorgen plagten. Ab dem 17.Jahrhundert waren in Europa Lotterien verbreitet meistens zu einem guten Zwecke wie für Armenhäuser oder für Katastrophenopfer. Die Familie nahm wiederholt daran Teil und erhielt 1723 die notarielle Bestätigung des Hauptgewinnes über 75000 Gulden. Das war eine Summe, die dem Wert einiger Amsterdamer Häuser entsprach. Somit war Rachel nun völlig frei, nur noch zu arbeiten, wenn sie wollte. Doch sie wollte. Im Alter wechselte sie nochmals den Stil und passte ihn dem Rokoko an. Der dunkle Hintergrund wurde lichter und die Darstellung der Sujets durch hellere Farbpaletten ersetzt. Daher wirken die Blumensträusse weniger dreidimensional. Sie war stolz darauf, in ihrem fortgeschrittenen Alter noch über die Sehkraft und die sichere Pinselführung zu verfügen, sodass sie ihren Arbeiten neben der Signatur auch noch ihr Alter hinzufügte. Bereits während ihres Lebens gab es Lobgedichte und vielerlei Ehre, als «Hollands Kunstwunder» und «geniale Kunstheldin» wurde sie gefeiert.

Als sie 1750 für damalige Verhältnisse sehr alt starb, war sie eine der bedeutendsten niederländischen Künstler:innen. Sie konnte mit den bekanntesten männlichen Künstlerkollegen mithalten. Ich freue mich richtig, dass ich euch hier mal eine Künstlerin aus vergangenen Jahrhunderten präsentieren konnte, die ein gelungenes privates wie berufliches Leben ihr Eigen nennen durfte. Sie inspirierte noch Generationen von Blumenmaler:innen durch ihren Stil. Leider geriet ihr Name mit der Zeit etwas in Vergessenheit, aber hier durch diese Exhibition kommt Rachel Ruysch erneut zu Ehren.

Die Ausstellung «Nature into Art» fand in der Alten Pinakothek München statt.

www.pinakothek.de

2 Antworten auf „Rachel Ruysch und die exquisite Eleganz von Blumenbouquets

Hinterlasse eine Antwort zu Freya Sutter Antwort abbrechen