Hannah Höch und die Vielfalt der Ansichten

Wer sich wie ich mit Frauen in der Kunst beschäftigt, begegnet immer wieder den Werken von Hannah Höch in Ausstellungen über Dadaismus, die revolutionäre Novembergruppe sowie in einigen Solo-Schauen. Vergessen war sie eigentlich nur während der Nazi-Zeit. Im Zentrum Paul Klee findet gerade die Ausstellung «Hannah Höch. Montierte Welten» statt mit dem Fokus auf ihre Fotomontagen und Filme, die ihre Arbeit beeinflusst haben. Zudem wird sie anderen Künstler:innen ihrer Zeit gegenüber gestellt, was sehr spannend ist.

Sie, die 1889 in Gotha geboren wurde und 1978 in Berlin starb, wuchs im gehobenen Bürgertum auf mit einer Mutter, die bereits malte. 1921 immatrikulierte sich Hannah Höch an der Kunstgewerbeschule in Berlin, da damals die Akademie der Künste den Frauen noch verschlossen war. Sie schrieb in ihren Lebenserinnerungen: «Die Akademie, die das Ziel meiner Träume gewesen war, wagte ich gar nicht erst zu fordern.»

In Berlin verliebte sie sich in den verheirateten Künstler Raoul Hausmann, eine dramatische Beziehung, während der sie damals mehrere illegale und lebensgefährdende Abtreibungen vornehmen musste. Er hatte bereits eine Familie und wollte keine Kinder mehr. Sie beide waren im Berliner Dada-Kreis mit ihrer radikalen Anti-Kunst aktiv. Die Dadaist:innen lehnten den pervertierten Wertekanon von Nationalideologie und Militarismus ab. Auch die Weimarer Republik sahen sie bloss « als Lüge, die Verkleidung der teutonischen Barbarei». Und diese Lüge wollten sie entlarven. Dada als lachende Verzweiflung. In der Novembergruppe hatte sie Kontakt zum bekannten politischen Karikaturisten und Maler George Grosz, dessen ätzendem satirischen Werk übrigens ein eigenes kleines Museum in einer ehemaligen Tankstelle an der Bülowstrasse gewidmet ist.

Ihren Lebensunterhalt bestritt Hannah Höch als Grafikerin für Zeitschriftenverlage. Was lag also näher, als mit diesen auf billigstes Papier gedruckten Seiten künstlerisch tätig zu werden? Gleichzeitig entstanden abstrakte Aquarelle und Ölgemälde. Mit Hausmann entwickelte sie stilistisch die Fotomontage, heute nennen wir dies Collage, indem sie aus Ausschnitten von illustrierten Zeitschriften ihre Bilder komponierte. Aus den Bruchstücken der Massenkultur schuf sie ihre Arbeiten. Niemand konnte ahnen, dass diese hundert Jahre überdauern müssten. Aus preisgünstigem Material entstanden ist es heutzutage schwierig, diese Bilder zu konservieren. In der aktuellen Ausstellung im Zentrum Paul Klee zum Beispiel dürfen sie als Originale nur sechs Wochen hängen, danach müssen perfekte Reproduktionen bestaunt werden.

Ihre bildnerischen Transplantationsverfahren sollten aufrütteln. Diese neue «Montage» der Welt fand in der Avantgarde grossen Anklang ebenso wie in der Werbung oder der politischen Propaganda. So wurde sie zu einem wichtigen Stilmittel der Sowjet-Propaganda. Hannah Höch hatte jedoch eine kritische Haltung zum technischen Fortschritt und hinterfragte diese Fortschrittsvisionen. Wie sie sowieso mit ihrer Kunst, oft auch ironisch, politische Themen wie Macht und Massenmedien, Mensch/Maschine oder die Geschlechterrollen hinterfragte.

Anfang der Zwanziger Jahren löste sich der Berliner Dada-Kreis auf und sie besuchte das Bauhaus in Weimar, wo sie viele Bekanntschaften knüpfte, ebenso reiste sie zum Beispiel nach Paris, in die Sowjetunion, nach Belgien, in die Schweiz (Monte Verita) und in die Niederlande. Überall traf sie sich mit ihren Künstler-Kolleg:innen und saugte die neuen Stile und Ideen auf. Sie trat diversen Filmligen bei und unterstützte den experimentellen, künstlerischen Film. Diesem Aspekt wird an der aktuellen Ausstellung besonderes Augenmerk verliehen. Sie hatte die Gelegenheit, an zahlreichen Ausstellungen teilzunehmen und erhielt auch Solo-Schauen, bis Anfang der dreissiger Jahre die Nationalsozialisten ihre surrealistischen Werke des «Kulturbolschewismus» verdächtigten und sie als eine weitere Exponentin der entarteten Kunst einstuften. Sie hatte sich davor politisch gegen Filmzensur eingesetzt und für ein selbstbestimmtes Abtreibungsrecht. Zudem, ihre Montage «Deutsches Mädchen» wirkte nicht grad wie eine nationalsozialistische Ikone.

Einige Zeit nachdem sie Hausmann verlassen hatte, lebte sie mit der niederländischen Schriftstellerin Til Brugmann zusammen. Es ist nicht bekannt, weshalb sich das Paar Mitte der dreissiger Jahre trennte, möglicherweise weil in der Nazi-Zeit eine offen gelebte homosexuelle Beziehung sehr riskant war. Zudem produzierte sie ja bereits «Entartete Kunst».  Bis anhin war sie gut vernetzt gewesen im Berliner Kunstbetrieb, doch nun flüchteten die meisten ihrer Freund:innen ins Ausland und waren auch brieflich kaum mehr zu erreichen. Sie schreibt: «Gegen 1937 hatte die radikale Vereinsamung für mich eingesetzt…….Jeder misstraute jedem. Man sprach mit niemandem mehr. Man verlernte die Sprache.» Vom Zentrum der Grossstadt Berlin zog sie in ein Häuschen mit grossem Garten in den Aussenbezirk Heiligensee. In dem verwunschenen Garten hatte sie unzählige Arbeiten von ihren Künstler-Kolleg:innen und ihre eigenen versteckt, was beunruhigend war. Sie litt unter ihrer Armut, musste Sozialhilfe beziehen, kannte dort niemanden, war isoliert und wurde depressiv. Der Garten wurde ihr nicht nur Nahrungsquelle sondern auch Inspirationsquelle. Sujets davon tauchen in ihren Bildern immer wieder auf. Es tut gut zu wissen, dass der Künstler, der heutzutage in ihrem Häuschen wohnt, verpflichtet ist, auch zu ihrem ehemaligen Garten Sorge tragen zu müssen.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges ging es mit ihr bergauf. Von den Alliierten wurde sie finanziell unterstützt, sie knüpfte frische Kontakte in der Berliner Kunstszene und beteiligte sich an Reisen, Vorträgen und internationalen Ausstellungen. Letztere sogar im Museum of Modern Art in New York oder im Museum of Modern Art in Kyoto.  Diese internationalen Erfolge erstaunten sie selber, lebte sie doch immer noch sehr bescheiden in ihrem Häuschen. In der Montage «Lebensbild» zeigt sie in ihrem Spätwerk ihr Leben und ihre Kunst anhand von Fotografien, die von ihr gemacht wurden. Ihr gesamtes Schaffen, angefangen von abstrakten Gemälden, zu den Fotomontagen und eher surrealistischen Bildern der späten Phase, zeugt von einem grossen Stilpluralismus, von dem in der Ausstellung im Zentrum Paul Klee vor allem die Fotomontagen gezeigt werden. Die Einbettung in den zeitgeschichtlichen Kontext mit anderen berühmten Künstler:innen jedoch zeigt die historische Bedeutung von Hannah Höchs Schaffen und die ihr eigene Originalität.

Und erneut möchte ich die Tatsache feststellen, Künstlerinnen brauchen sich nicht zu verstecken. Die Qualität ihrer Arbeit ist denen ihrer männlichen Kollegen ebenbürtig. An der Sichtbarkeit mangelt es noch, aber hier gibt es erneut eine Ausstellung, die Abhilfe schafft. Zum Kunstkanon gehört eben auch eine Hannah Höch!

Und nun hoffe ich, euch mit diesem Text inspiriert zu haben, mehr über diese Künstlerin erfahren zu wollen.

Die Ausstellung „Hannah Höch. Montierte Welten“ fand im Zentrum Paul Klee statt.

http://www.zpk.org

(Meine Fotos hier von Hannah Höch stammen aus unterschiedlichen Ausstellungen.)

https://creative-brain.org/2019/02/27/die-novembergruppe-in-berlin-im-spannungsfeld-von-kriegsfolgen-kampf-und-kunst/

https://creative-brain.org/2020/01/17/kampf-um-sichtbarkeit-kuenstlerinnen-im-18-und-19-jahrhundert/

2 Antworten auf „Hannah Höch und die Vielfalt der Ansichten

  1. Danke für den Beitrag! Die Ausstellung wird demnächst in Wien gezeigt, ich freu mich schon wahnsinnig. Hannah Höch gehörte zu den ganz Großen! Gestern stieß ich zufällig auf eine Zeichnugn von einer Geburt von ihr, die aber glaub ich ziemlich unbekannt ist.

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu nische Antwort abbrechen