Marianne von Werefkin: Das Leben in glühenden Farben

Der Begriff «toxische Beziehung» tönt modern, das Phänomen selbst ist aber uralt. So eine Beziehung lebte auch die russische Künstlerin Marianne von Werefkin. Sie wurde 1860 in eine adelige Familie in Tula geboren. Früh wurde ihr zeichnerisches Talent entdeckt, da ihre Mutter selbst Malerin war. Ihr Vater besorgte ihr als Lehrer Ilja Repin, den berühmten realistischen Maler aus Petersburg. Sie studierte an der Moskauer Akademie Malerei, Bildhauerei und Architektur.  Die Werefkin malte daraufhin dermassen lebendige Porträts, dass sie als «russischer Rembrandt» galt und erste Ausstellungserfolge vorweisen konnte.

In dieser Phase mit 31 Jahren begegnete ihr der vier Jahre jüngere Kunststudent und mittellose Leutnant Alexei Jawlensky. Sie fand ihn talentiert und beschloss, ihn zu fördern und in der Kunst zu unterrichten. Der Anfang einer langen Liebes- und Leidensgeschichte begann. Einerseits hatte sie gerade ihren Malstil verändert zur Freilichtmalerei à la Impressionismus, andererseits zweifelte sie an ihrem Können als «schwaches Weib». In konservativen Traditionen der damaligen Zeit erzogen, hatte sie den Eindruck, nur ein MANN könne wirklich schöpferisch tätig sein. (Bedenkt, dass noch einige Zeit später, um die Jahrhundertwende, der Psychiater Paul Julius Möbius sein Werk «Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes» veröffentlichte und zwar mit grosser Zustimmung!) Jawlensky sollte so zum Verwirklicher ihrer eigenen künstlerischen Ideen und Ambitionen werden. Für ihn gab sie deshalb ihre eigene Malerei während zehn Jahren auf.

Nach dem Tode ihres Vaters erhielt sie eine komfortable zaristische Rente. Mit der zogen sie, Jawlensky, das Dienstmädchen Maria und deren neunjährige Gehilfin Helene Nesnakomoff nach München. Dort wurde das Paar zum Mittelpunkt der künstlerischen Avantgarde. Werefkin war immer klar, dass ihr Geliebter ein Schürzenjäger war, deshalb lehnte sie eine Heirat mit ihm ab. Selbst mit ihrer Zofe hatte er ein Verhältnis. Aber sogar als er die junge Gehilfin missbrauchte, hielt sie noch zu ihm und verwies ihn nicht des Hauses. 1902 bekam diese Helene ein Kind von Jawlensky. Und alle lebten weiter unter einem Dach. Es wird kolportiert, dass in ihrem Heim immer Zank und Streit geherrscht haben sollen. Kein Wunder! Für mich fast nicht vorstellbar diese psychische Abhängigkeit von einem solchen Typen.

In der anregenden Kulturszene Münchens befiel die Werefkin wieder die Lust nach eigenem künstlerischen Ausdruck. Mit ihrer neuartigen Bildsprache eroberte sie die Spitze der Bekanntheit unter den Expressionist:innen. In ihrem Tagebuch beklagt sie sich über die unglückseligen Nächte, in denen sie ihre eigene Kreativität als teuflisch und göttlich beschreibt. Ihr Thema ist das Ausgeliefertsein an unsichtbare Kräfte. Oft wirken die Menschen in ihren Bildern klein vor bedrohlichem Hintergrund. In ihrem Stil geht es ihr nicht mehr wie in früheren Phasen um die Wiedergabe des Lichtes, sondern um den Wert der Farbe an sich. Ihre Werke malt sie deshalb auf reinen Farben aufbauend.

In ihrem rosafarbenen Salon trafen sich die damaligen Künstler:innen. Es wurde zum Beispiel über das Verhältnis von Natur zur Abstraktion debattiert. Und sie wurde Mitgründerin des «Blauen Reiters» mit Marc, Macke, Kandinsky, Münter. Sie war die wegweisende Gesprächspartnerin für Kandinsky und dessen Kunsttheorie und beeinflusste auch die Münter in ihrem Kunststil. Kandinsky und Münter hatten bis anhin in impressionistischer Spachteltechnik gearbeitet und unter Werefkins Einfluss malten sie nun mit reinen Farben flächenbezogene Bilder. In Werefkins Tempera-Gemälden dominieren kontrastreiche Farben, ihre Motive wirken emotionsgeladen. Eines ihrer wenigen Selbstbildnisse «La Diavolezza» drückt dies gesteigert aus. Wegen ihres Scharfsinns und ihres Temperaments wurde sie oft so genannt.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, waren sie gezwungen zu emigrieren und die Werefkin musste sich nicht nur von ihrem kosmopolitischen Freundeskreis trennen, sondern auch von ihrem Vermögen und ihren eigenen Bildern. Nach Umwegen liessen sie sich im kleinen Fischerdorf Ascona nieder. Als es keinen Zaren mehr gab, versiegte auch ihre fürstliche Rente und sie war völlig mittellos. Zu diesem Zeitpunkt verliess Jawlensky sie und nahm Helene und seinen Sohn mit nach Wiesbaden und heiratete die Mutter seines Kindes. Eine Zofe hatte sie auch keine mehr. Davor hatten sie ja in einer Ménage à Quatre plus Kind zusammengelebt und gestritten.

In Ascona tummelten sich um 1920 viele Aussteiger:innen und Künstler:innen. Denkt an den Monte Verita. Rasch wurde sie wieder zum Mittelpunkt der Kulturszene. Auch ein Künstler aus Zürich, Willy Fries, verbrachte ein paar Monate dort. Der eine Generation jüngere Mann und sie verstanden sich sehr gut, obwohl die beiden einen völlig unterschiedlichen Malstil hatten. Als er zurück in Zürich war, schrieben sie sich.

Es sind nur ihre Briefe an ihn erhalten. Hier könnt ihr lesen, wie sie offen über ihre verflossene Beziehung mit Jawlensky dachte oder wie stark sie mittellos war. Einmal hat ihr jemand einen Schinken für ein Bild von ihr bezahlen wollen. Sie litt andauernd unter Existenzängsten, verdingte sich auch als Medikamenten-Vertreterin bei Ärzten, schrieb sogar Artikel in der NZZ, um zu überleben. Und trotz allem, mit ihrer unerschöpflichen Vitalität, sie war schon über sechzig, brachte sie Leben ins Dorf: Sie engagierte sich für die Gründung des Gemeindemuseums, das heutige Museo Comunale d’Arte Moderna. Ohne Geld und mit Beziehungen bettelte sie alle ihre Bekannten um mindestens ein Gemälde an, das diese spenden sollten. Willy Fries machte dieses Porträt von ihr und schenkte es dem Museum. Zur Eröffnung zog sie sich genauso wie auf dem Bild an und berichtete ihm über die Freude der Besucher:innen darüber. Sie selbst gab fünf ihrer Gemälde dafür her.

In Ascona gründete sie die Künstler:innenvereinigung «Der grosse Bär» und traf dabei ihre alten Freund:innen wieder: Kandinsky, Klee, Arp und Taeuber-Arp, Münter etc. Gerne wäre sie wie Klee und Kandinsky ans Bauhaus berufen worden. Wegen ihrer intensiven Theoriebildung wäre sie prädestiniert gewesen, aber sie wurde leider nicht berufen. Wegen ihres Geschlechts?

Was mich bei ihr sehr beeindruckt, ist ihre Schaffenskraft und Kreativität bis ins hohe Alter. Ihre Werke sind mit jedem Jahr noch intensiver, emotionaler und ausdrucksstärker geworden. Vielleicht hat dies auch etwas mit ihrer leidvollen Vergangenheit zu tun. Wie wenn jedes echte Kunstwerk die menschliche Existenz abbilden soll: verletzt, leidenschaftlich, verwirrt.

Um nochmals auf ihre toxische Beziehung zurück zu kommen. Sie schreibt: «Wenn ich je auf etwas stolz war, dann auf meinen Verstand.»  Anscheinend vermögen weder Bildung noch Intellekt diese Frau davon abzuhalten, 27 Jahre ihres Lebens an diesen grässlichen Typen namens Jawlensky zu verschwenden.

Sie wohnt und arbeitet als Künstlerin bis zu ihrem Lebensende in Ascona und wird von den Einheimischen als »Baronessa» oder «Nonna di Ascona» verehrt. Werefkin stirbt 1938 und wird nach russisch-orthodoxem Ritus auf dem Friedhof von Ascona beerdigt. Die Menschenmenge, die sich zu Ihrem Trauerzug einfindet ist so lang, dass selbst Zeitungen darüber berichten. Daraufhin finden 1938 verschiedene Retrospektiven statt. Danach aber gerät sie in Vergessenheit bis zu ihrem 50. Todestag. Heutzutage werden ihre Gemälde hoch gehandelt und niemand würde es mehr wagen, bloss einen Schinken dafür anzubieten.

Im Atelier Righini Fries in Zürich gibt es bis zum 17. Dezember eine Ausstellung von vierzig ihrer Werke. Einige sind in Kontrast mit Willy Fries Gemälden gesetzt, was spannend ist. http://www.righini-fries.ch

Meine zwei Lieblingsgemälde von ihr fehlen zwar, eines davon die «Nuit fantastique», in dem das Feuer und die sexuelle Energie der Werefkin nur so glühen, eine mystische Vereinigung, aber ihr erhält in dieser Ausstellung auf jeden Fall einen tieferen Einblick in das Werk einer aussergewöhnlichen Künstlerin.

https://creative-brain.org/2020/12/26/ottilie-w-roederstein-die-vielseitige-schafferin/

https://creative-brain.org/2020/01/17/kampf-um-sichtbarkeit-kuenstlerinnen-im-18-und-19-jahrhundert/

https://creative-brain.org/2020/04/10/sigismund-righini-unbekannte-akte/

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