Der frische Wind im Kunsthaus Zürich

Als ich vor dreissig Jahren im Kunsthaus Zürich die Solo-Ausstellung von Miriam Cahn besuchte, dachte ich, die Zeitenwende sei angebrochen und Künstlerinnen wären im maskulin dominierten Kunstbetrieb ENDLICH angekommen.

Anscheinend hatte ich mich geirrt. Ausser weltweit ab und zu mal einer Soloausstellung einer Künstlerin blieb eigentlich das meiste wie gehabt.

Im September 2018, also genau vor fünf Jahren, entschloss ich mich, einen Blog zu eröffnen, der die Sichtbarkeit der kreativen Leistungen von Frauen in den Vordergrund stellte. Da ich für diese das Interesse von allen Geschlechtern wünschte, deklarierte ich nicht, dass es ein feministischer Blog sei und fing an, auch über männliche Kreative zu berichten. Mit der Zeit sollten quasi subkutan vor allem die Künstlerinnen vorgestellt werden.

Es wurde mir angeraten, mit dem Blog in die Sozialen Medien zu gehen. Auf Facebook machte ich auf meine Anliegen aufmerksam wie die vermehrte Repräsentanz von Künstlerinnen in den hiesigen Ausstellungen, dass mehr Gelder in die Erforschung von unbekannten und/oder in Vergessenheit geratenen Künstlerinnen geleitet werden und diese während des Kunstgeschichtestudiums erwähnt werden sollten. Rasch gewann ich auf meiner Facebook-Seite als Mitstreiterinnen die Künstlerinnen Elisabeth Eberle und Ursina Roesch. Elisabeth Eberle analysierte seit einigen Jahren die Frauenquote an zahlreichen Schweizer Kunsthäusern und unterstütze mich mit ihren konkreten Auszählungen. Als Reaktion auf meine Forderungen erhielt ich unzählige Zuschriften von Männern, die mich öffentlich und auf den privaten Kanälen der Sozialen Medien darauf aufmerksam machen wollten, dass Qualität sich immer durchsetze und Kunst kein Geschlecht habe. Sie verstanden nicht, dass Kunst durchaus ein Geschlecht hatte, das zum allergrössten Teil eben maskulin konnotiert war und dass erst durch die gleichberechtigte Vertretung der Werke von Künstlerinnen entschieden werden kann, ob sie etwas taugen oder nicht. Und die öffentliche Aufmerksamkeit sogar in von Steuergeldern finanzierten Museen fehlte. Diese ausführlichen Argumentationen frassen einen Grossteil meiner Gratis-Zeit, die ich lieber für meine eigenen Nachforschungen und meinen Blog eingesetzt hätte.

Vor allem gegen das Kunsthaus Zürich schoss ich verbal, das unter dem damalig aktuellen Direktor Christoph Becker im diesbezüglichen Dämmerschlaf versunken war. Ich bin Bewohnerin und Steuerzahlerin in Zürich und sah mich verpflichtet aufzuzeigen, dass das Kunsthaus Zürich, das zudem auch durch Steuergelder alimentiert wird, zu fast 95% Solo-Ausstellungen von Männern zeigte und in dessen Sammlungen selbst heutzutage nur 11% der Werke von Frauen stammen.

Harte öffentliche Debatten auf Facebook lieferte ich mir mit dem heutigen Vizedirektor Christoph Stuehn, der, nachdem ihm die Gegenargumente ausgingen, jeglichen Kontakt abbrach. Die linke und feministische Stadtpräsidentin Corine Mauch kritisierte ich, weil sie seit Jahren im Vorstand des Kunsthauses sass und dort mit ihren VertreterInnen nie eine gerechte Repräsentation von Künstlerinnen angemahnt hatte. Im Tages Anzeiger wurde das Thema daraufhin von den Kulturjournalisten Andreas Tobler und Christoph Heim unterstützend aufgenommen. Auch auf ihre Artikel fiel die Mehrheit der Kommentare harsch negativ aus.

Erstaunlicherweise kam dann aus dem Stadtpräsidium das Gesprächsangebot an mich, mein Anliegen dem Kulturdirektor Peter Haerle und Barbara Basting, der Leiterin für bildende Kunst, vorzutragen. Ich entschloss mich zur Zusage unter der Bedingung zwei Künstlerinnen mitzubringen, Elisabeth Eberle und Ursina Roesch. Das Gespräch war konstruktiv und wir wurden unter Aufforderung zur Verschwiegenheit darüber informiert, dass der aktuelle Direktor des Kunsthauses es in zwei, drei Jahren verlassenen würde. Eine Findungskommission könnte sich dann ebenfalls mit der Frage einer weiblichen Direktorin beschäftigen.

In der Zwischenzeit trafen Elisabeth Eberle, Ursina Roesch und ich uns im Buchsalon des damaligen Kosmos und entwickelten die Idee einer internationalen Kartenpetition. Wir riefen unsere Bekannten und die Oeffentlichkeit dazu auf, Karten ans Kunsthaus Zürich zu senden mit ihren Wünschen nach Künstlerinnen. Wir erhielten dazu auch tolles Feedback von Kurator*innen aus dem Ausland, die das Kunsthaus Zürich als viel zu konservativ und nicht innovativ empfanden, sowie von unzähligen in- und ausländischen Unterstützer*innen. Ich erinnere mich an jemanden, der dem Kunsthaus Folgendes schrieb: „…..Einerseits schäme ich mich als Mann und Zürcher und schäme mich auch fremd (für Sie), dass eine so grosse Kunstinstitution in der Stadt Zürich in der heutigen Zeit noch derart einseitig männerlastige Ausstellungsprogramme vorlegt. Frauen werden auch heute noch praktisch nie berücksichtigt, das ist sachfremd und unfair……“ oder an eine der Karten, auf denen eine Frau aus Deutschland viele interessante Namens-Vorschläge für Ausstellungen machte und schrieb, dass sie gespannt „wie ein Flitzebogen“ sei, was das Kunsthaus aus all diesen Anregungen machen würde. Damals leider nichts!!! Als die Presse mal nachhakte, war die Antwort des Kunsthauses: „Ja, wir haben ein paar Karten erhalten.“

Auf Instagram wurde von einem anonymen Kunst-Kollektiv am Frauenstreiktag dem 14.Juni 2020 die Kunstfigur Hulda Zwingli erschaffen, die für eine adäquate Präsenz von Frauen im Kunstbetrieb plädiert und diesbezügliche Mankos öffentlich an den Pranger stellt.

Herr Becker verliess inzwischen das Kunsthaus und die von uns gewünschte neue Kunsthausdirektorin Ann Demeester ist gerade dabei, frischen Wind in die altehrwürdige Institution zu lassen. Sie hat die Reihe «ReCollect!» ins Leben gerufen. Das Kunsthaus verfügt über eine immense Sammlung von Werken aus dem Mittelalter bis heute. Normalerweise präsentieren die festangestellten KuratorInnen uns diese. In „ReCollect!“ werden verschiedene Künstler*innen aufgefordert einen Blick in die Sammlung zu werfen und einige Exponate mit ihren eigenen Werken in Beziehung zu setzen. Dafür erhalten sie mehrere Interventionsräume. Einen davon bespielt ein Paar bestehend aus der norwegischen Malerin Ida Ekblad und dem Dänen Matias Faldbakken.

Auch die peruanische Künstlerin Daniela Ortiz, die sich mit Rassismusfragen und kolonialer Ausbeutung auseinandersetzt, ist vertreten. Sie hinterfragt das kapitalistische System und hegemoniale Machtstrukturen.

Und dann gibt es noch den Saal mit Hulda Zwingli. Das Kunsthaus Zürich ist nun also in der Lage, dem Kollektiv, dass die ungleichen Geschlechterverhältnisse in der Kunstwelt und im öffentlichen Raum kritisiert, selbst Sichtbarkeit zu verschaffen. Hulda Zwingli ist ins Kunsthaus-Depot gestiegen und hat einige eher unbekannte Künstlerinnen dabei ans Licht geholt wie Sophie Schaeppi und Alice Bailly und es wurde sogar ein Gemälde von Maria Lassnig entdeckt. Zudem werden eigene Protest-Aktionen des Hulda-Zwingli-Kollektivs vorgestellt sowie Werke von gleichgesinnten aktuellen Künstler*innen.

By the way. Zur Installation dem Grabstein der unbekannten Künstlerin von Elisabeth Eberle und Ruth Righetti habe ich mehrere Fotos aus meinem Foto-Archiv beigesteuert. Bei Hulda Zwingli auf Instagram kann jede*r Material und Unterlagen zum Thema liefern.

Wie ihr wisst, habe ich einige Blogbeiträge zu (unbekannten) Künstlerinnen veröffentlicht, auch zu Sophie Schaeppi und vielen anderen wie Käthe Kollwitz, die im neuen Gebäude des Kunsthauses in der aktuellen Ausstellung vertreten ist. Hier wird Käthe Kollwitz zusammen mit dem Werk einer zeitgenössischen Künstlerin, nämlich Mona Hatoum gezeigt. Zwei Frauen, die engagiert Stellung beziehen zur Gesellschaftspolitik ihrer jeweiligen Zeit.

Was hat sich in den letzten fünf Jahren seit Beginn meines Blogs getan? Weltweit und in der Schweiz sehr viel: mehr Direktorinnen in den Museen, Kuratorinnen, die Ausstellungen von Künstlerinnen favorisieren, Bücher, Bildbände über weibliche Kunst, Forschung in Archiven, Aufdeckung von falschen (männlichen) Zuschreibungen, etc. Was aber immer noch existiert, ist der riesige Gender Pay Gap in den Kunst-Auktionen.

Können wir uns jetzt zurücklehnen, läuft nun alles wie von alleine für die Künstlerinnen? Ich zweifle etwas und werde daher meinen Blog fortsetzen. Wer ganz sicher weiter den Finger in die Wunde hält, ist Hulda Zwingli auf Instagram. Und wir alle, die wir uns wehren werden, falls der Backlash die Leistungen von Frauen erneut in die Vergessenheit katapultiert.

www.kunsthaus.ch

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